19.7.2020 – good in bad

Gestern Abend ist etwas passiert, das war neu für mich: Ich hatte etwas getwittert, weil ich mich über etwas aufgeregt hatte und dann habe ich es wieder gelöscht, weil ich Angst bekam. Nun habe ich schon öfter Tweets gelöscht. Ob ich nun Unsinn geschrieben hatte oder meiner eigenen Regel, nicht emotional getriggert zu twittern nicht gefolgt war, oder ob ich’s einfach nicht mehr gut gefunden hatte – egal. Gründe gibt es ja viele.

Gestern aber – wie gesagt – Angst. Angst, in den Grabenkrieg der da gerade war aufgenommen zu werden und meinen eigenen kleinen Shitstorm zu bekommen und die klare Einsicht, dass ich dafür aktuell keine Energie haben würde.

Das war neu und das war kein gutes Zeichen. Nicht nur für meinen emotionalen Gesundheitszustand (den kenne ich ja gut), sondern für den Teil von Twitter, den ich als mein Zuhause betrachte.

(Nicht nur) in diesem Zusammenhang denke ich auch viel an Marie dieser Tage. Es ist nahezu exakt ein Jahr her, dass sie gestorben ist.

Heute sind die Liebste und ich seit achtzehn Jahren verheiratet. Das bedeutet, wir dürfen jetzt gemeinsam wählen, trinken und Autofahren und Spaß beiseite: achtzehn Jahre ist schon der Hammer. Jetzt wo ich das tippe, in diesem Moment vor achtzehn Jahren, stand ich vielleicht gerade mit dem Rücken zu einem ziemlich großen Grill, guckte auf eine Wiese, die Freunde von uns mit hunderten von Kerzen geschmückt hatten und grinste. Oder freute mich über die knapp hundert Menschen, die da waren um mit uns zu feiern. Oder staunte mich überhaupt durch die wunderschöne Stimmung, die den ganzen Abend war. Oder erfreute mich an dem noch-nicht-Pärchen, die betont unauffällig, sich noch Rock und Hemd glattstreichend, im Minutenabstand aus dem Gebüsch kletterten. Oder erfreute mich daran, dass unser DJ Liebeskummer hatte und nur depressiven Progrock spielte. (Karma, vermute ich; ein paar Jahre vorher hatte ich als DJ die Hochzeit einer Freundin aus einem Missverständnis heraus musikalisch ziemlich ruiniert.)
Auf jeden Fall war ich da ziemlich glücklich und heute auch und so haben wir heute verabredet, auch die nächsten achtzehn miteinander zu verbringen.

Zur Feier des Tages wollten wir einen Ausflug machen und wir hatten den Landschaftspark Duisburg-Nord als gutes Ziel in Erinnerung. Viel, viel Ruhrpott – so mögen wir es; und viel draußen – so mögen wir es dieser Tage.
Auf dem Weg dahin stellte ich allerdings fest, dass wir ja quasi schon auf dem halben Weg nach Belgien waren und merkte, dass ich das Haus, in dem ich zwischen drei und sechs dort gelebt hatte, noch einmal sehen wollte. Aus Gründen befinde ich mich nämlich gerade in einer Phase, in der die Erinnerungen an nahezu mein gesamtes bisheriges Leben auf dem Prüfstand stehen, sich oft als unwahr herausstellen (nicht empfehlenswert, lassen Sie’s sein) und die vagen Erinnerungen mit einem heutigen Blick abzugleichen schien mir eine gute Idee zu sein.

War es. Gute Entscheidung.

Ganz nebenbei: Eine irre Gegend. Wir wohnten damals in einer Straße in der eine Villa neben der anderen stand und immer noch steht. Und das nicht als Redewendung, sondern vollkommen ernst: kaum ein Haus das aussieht, als habe es unter 300qm Wohnfläche pro Etage und mindestens drei Bedienstete.
Jedes versucht die anderen in einem neuen architektonischen Stil zu übertrumpfen und alle haben große Parkanlagen, herrschaftliche Auffahrten und kunstvoll geschmiedete Tore an der Straße. Irre*.
Und mittendrin zehn sehr einfache Backstein-Doppelhaushäften, zwei Garagenstreifen um einen Schotterplatz und eine Einfahrt. Hinter einer der Garagen eine zugewachsene Schaukel und eine Wippe. Alles zusammen etwa halb so groß wie das Grundstück gegenüber.
Ich nehme an, die mögen sich da gegenseitig sehr – rechts und links der Straße.
Wer auch immer auf die Idee gekommen ist in dieser Straße damals die Siedlung für die Nato-Offiziere anzulegen, hatte entweder sehr viel Mut oder sehr wenig Ahnung.

*) Kann man sich auch auf StreetView angucken

Abends dann unser traditionelles Jubiläums-Sushi und der nächste James Bond.
Das war einer der guten Tage im nicht-so-dollen.

Übrigens: Jetzt brauchen wir nur noch ca eineinviertel Stunde Autofahrt und dann haben wir den „Alles gesagt“ – Podcast mit Rezo endlich geschafft. Wenn Sie mal zwei Boomer die es nicht sein wollen auf einen ziemlich digitalen Menschen prallen hören wollen und zufällig gute achteinhalb Stunden Zeit haben, dann sollten Sie das hören.

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4 Kommentare

  1. 18! Glückwunsch! Und ganz großes Kompliment, das wird langsam wirklich selten. Aber so wie ich dich lese und die Liebste mit deinen Worten sehe, haben die nächsten achtzehn eine sehr reelle Chance. <3

    1. *knickst*
      (Im August feiern wir ja den meiner Meinung nach wichtigeren Tag und das ist der dreiundzwanzigste und ich bin da selber vollkommen geflashed von.)

  2. So lange habt ihr gewartet? 😉

    Im Ernst: ihr habt meine aufrichtige Bewunderung.
    (Ich könnte nur 30 Jahre als Solistin dagegen halten, aber das ist nicht wirklich ein Grund zur Freude.)

    1. ja, wir haben ein bisschen gewartet. Oder: Wir hatten so lange klar, dass wir heiraten wollten, dass wirs irgendwie verpasst haben es zu tun 🙂

Kommentare sind geschlossen.

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