19.5.2020 – the bigger picture

Ich mag sehr die Überblicks-Artikel bei Frau Novemberregen und bei Kiki und versuchs auch mal. Allerdings merke ich, dass die letzten Monate eine einzige Erinenrungssuppe sind und wenig fixe Anhaltspunkte bieten.

Der erste Suchtreffer zu „Corona“ hier im Blog ist Anfang März, als aber schon Menschen Klopapier hamsterten. Aber auch Suchen nach „Virus“ oder „Covid“ bringen nichts früheres zu Tage.
Aber ich erinnere: Karneval war Ende Februar, Mitte Februar war ich noch in Hamburg auf einem Konzert gewesen und hatte mich operieren lassen, ohne etwas davon in Verbindung mit Gefahr für mich oder einem Virus zu bringen, der in Asien unterwegs war.
Ich staunte über den dummen Rassismus, über den „asiatisch“ aussehende Menschen berichteten und mein Weltbild bekam wieder einen kleinen Schlag.

Und schon am 10.3., beim zweiten Auftauchens des Wortes „Corona“ hier im Blog betitele ich einen Link mit den Worten „der tägliche sachliche Corona-Link“ und ich erinnere mich, dass mich – surprise! – das Meinungs-Geschreie auf twitter schon da sehr aufregte und abstieß. Ich beobachte, was da draußen so passiert, wir richten uns darauf ein, „das Haus nur noch zum nötigsten zu verlassen“ und wir canceln unseren geplanten Hamburg-Trip im April sowie andere angedachte Verabredungen.
Vermutlich war also in Hamburg beim Konzert von Tina Dico mein letztes Treffen mit anderen Menschen. Der Vollständigkeit halber: Zum Friseur bin ich eh irgendwann in der letzten Dekade gegangen.
In dieser ersten Märzwoche erwähne ich auch das erste Mal Herrn Drosten und fühle mich beruhigt, dass es auch sachliche Infos gibt.

Mitte März hatte ich ein kleines Nebenprojekt ins Web geworfen, da in meiner Timeline Menschen private Kindergruppen organisierten und ich mich erinnerte, dass ich ja noch knappe 100 Spiele für Kindergruppen irgendwo auf der Festplatte rumliegen hatte. Könnte ja nützlich sein, dachte ich.
Als ich nach wenigen Tagen fertig bin, ist klar, dass es keine Kindergruppen geben wird und alle jetzt erstmal zu Hause bleiben.

Ich freue mich, dass trotz des großen Gewimmels auf den üblichen Schreikanälen erstmal alle so vernünftig reagieren. Und ich finde es sehr vernünftig, Schulen und Geschäfte und überhaupt so viel wie möglich zu schließen und so viele Menschen wie möglich zu Hause zu lassen.
Ich bin allerdings verwundert, dass um mich herum alle glauben, dass die Schulen nach den Osterferien wieder auf sein werden.
Zu einer Freundin sage ich am Telefon das erste Mal den Satz „Ey, ich finde es wunderbar, wie einfach wir alle gerade mal was für die Gesellschaft tun können. Einfach sitzen bleiben. Sitzen kann ich persönlich total gut“. Sie ist überrascht und hört auf zu jammern, dass sie so gerne shoppen gehen würde.
Ich ahne nicht, wie oft ich diesen Satz noch oft sagen werde.
Meist aber freue ich mich darüber, wie die Menschen näher zusammenrücken; ich telefoniere so viel mit Freunden wie seit Jahren nicht.

Der Gärtner kommt und ich will ihn eigentlich nicht da haben. Wir tanzen in drei Meter Entfernung durch den Garten. Am gleichen Tag wäre noch ein alter Freund zu Besuch gekommen, der gerade aus der Schweiz gekommen war – aber das hatten wir ja schon gecancelt.

Ein paar Tage später ruft mich Vanessa an und fragt, ob ich mit ihr zusammen einer Gruppe von Medizinern helfen kann, die ein Infoportal aufbauen wollen.
Die nächsten Tage bis Mitte April verschwimmen etwas in Erinnerungen an viel Code und späte Gruppen-Calls im Discord-Channel. Und an große Müdigkeit.
Vanessa hat das aber aufgearbeitet.
Woran ich mich erinnere ist aber zum einen meine Freude, nun wirklich nah an den Fachleuten zu sitzen. Etwas, was ich bis heute schätze.
Und an mein Entsetzen und meine Trauer, wenn im Subchannel „Psychohygiene“ (oder so ähnlich) diejenigen sich mal ausheulen müssen, denen kurz vorher jemand unter den Fingern weggestorben war.
Irgendwo da begreife ich auch, dass die Liebste volle Kanne Riskogruppe ist mit ihrem Asthma – finde das aber noch nicht so schlimm, weil wir ja alle drin bleiben.

Irgendwann in der Zeit habe ich eine Therapiesitzung per Videochat und das ist voll fürn Arsch.

Wir beginnen, unsere Besuchsfrequenz am See drastisch zu erhöhen. Jetzt in diesem Moment, wo ich beim Zurückblättern und Schreiben die Bilder sehe, sehe ich, wie wenig Frühling da noch war und begreife, wie lang das schon her ist. Puh. Wie lange wir schon drin sitzen.

Ende März gehe ich das erste mal mit Maske einkaufen und bin der einzige im Laden.

Ich telefoniere mit einem meiner ältesten Kunden. Er ist in der Eventbranche tätig und ich bin danach echt down. Außerdem beantrage und bekomme ich Geld aus dem Hilfs-Fond für Selbstständige. Das geht faszinierend einfach und ich freue mich kurz darüber. Inzwischen ist nicht mehr klar, ob ich von dem Geld nur die Leasingrate fürs Auto zahlen oder das Auto auch tanken darf. Essen darf ich eh nicht davon kaufen – soviel scheint klar. Und ich freue mich nicht mehr so.

Wir beginnen, das Arbeitszimmer der Liebsten zu renovieren – auch wenn wir das noch nicht wissen und zuerst nur zwei alte, abgerockte Regale raus- und zwei neue reinstellen.

Anfang April beginnt zum einen die große Familienkaque hier, die aber nichts mit Corona zu tun hat. Aber auch meine Twitterblase beginnt Nerven zu zeigen und ich bemerke, dass alle dünnhäutiger werden. Mein Bauchgefühl warnt mich, dass die Stimmung langsam von „Wir“ zu „aber ich!“ kippen wird.

Mitte des Monats treffen wir uns mit Freunden per Zoom und verbringen einen wunderschönen Abend. Und weil das so toll war, haben wir das logischerweise bis jetzt nicht wiederholt.
Parallel geschehen zwei Dinge: Es wird über Lockerungen der Sperren gesprochen und mich erreichen die ersten Verschwörungsmythen, die die Existenz des Virus abstreiten. Ich denke an die weinenden Ärztinnen und fasse es nicht. What little did I know, was da noch kommen würde!
Als ich das erste mal nach den esten Öffnungen wieder im Auto raus muss, notiere ich „Gemessen an Verkehrsdichte und Verhalten der Menschen hat sich diese seltsame Virus also gestern Abend, Punkt zwölf in Luft aufgelöst und endlich, endlich, endlich kann der Konsum weiter gehen.
Mein Glaube an die Menschen bekommt den nächsten Schlag in die Weichteile.

Weil man sich ja immer doch eher an den Dingen festbeisst, die man kennt, beginnt irgendwann in diesen Tagen die nicht funktionierende Schule mein Thema zu werden. Genauer: Der wachsende Spalt, der sich zwischen homeschoolenden Eltern und Lehrerinnen auftut – während wie üblich die, die den Ärger verdient hätten in den Ministerien die Hände reiben.

Einer meiner ältesten Freunde beginnt Verschwörungs-Scheiss zu verbreiten und es macht mich gleichzeitig unfassbar wütend und traurig zugleich. Ich denke daran, dass mir jemand vier Wochen vorher am Telefon sagte „Wir werden Menschen aus unserem Freundeskreis heraus loslassen müssen – und aber auch andere ganz neu kennen und lieben lernen
Ja, aber doch nicht die guten!
Vermutlich auch deswegen erreichen meine Überlgungen darüber, wie es danach weiter geht, wann danach sein wird und was das alles mit uns macht das nächste Level und ich grüble ein paar Tage.

Derweil beginnen die Ministerpräsidenten der Länder sich mit ihren Öffnungs-Ideen gegenseitig zu übertrumpfen. Rückgratlose Arschriesen. Leider hat ausgerechnet „mein“ Ministerpräsident im Rennen um die dümmste Ausführung die Nase weit vorne – kein Wunder, er hat sie ja immer oben aus der Maske raushängen haha – und ich beginne, mir ernsthaft Sorgen um die Liebste zu machen. Es ist ja schön, wenn wir uns hier schützen wollen, aber da geht eine Kette der Verantwortungslosigkeit in einem glatten Rutsch direkt vom Schulministerium durch die Verwaltungen der Kreise und Städte und am Ende sagt eine Mitarbeiterin eines Gesundheitsamts, sie wissen doch auch nichts und die Rektorin solle doch mal selbst entscheiden, welche Kollegen denn arbeiten kommen und welche nicht. Und ich kotze im Strahl. Ich habe tiefe Angst um die Liebste. Wegen all der anderen Menschen da draußen.

Angst ist ein schönes Stichwort, denn die treibt weniger aber laute Volldeppen auf die Straße. Die Medien freuen sich und berichten und schon wieder bekommt mein Menschenbild eins in die Klöten.
Excuse my french.

Ich videophoniere das erste Mal mit einer Internetfreundin und bin froh, dass ich wirklich nicht nur Menschen loslassen muss, sondern auch gute da bleiben.

Schaue ich also zurück, kann ich durchaus einen roten Faden bemerken, an dem entlang Covid-19 mein Leben schon verändert hat. Ich weiß: Die Liebste und ich sind immer noch und auch in Krisen das beste Team der Welt. Ich lerne: Es ging mir gut, als die Menschen noch vernünftig waren und an alle dachten und nicht nur an sich selbst; ich lernte schmerzhaft auch: „die Menschen“ sind noch viel schlimmer als ich befürchtet hatte (nicht Sie hier, die das lesen, Sie sind natürlich super). Ich weiß, dass mein vergleichender Blick zwischen dem kleinen Land im Norden und meinem aktuellen Heimatland wieder 1000 Punkte in den Norden gespült hat.
Es geht mir gut – so lange ich nicht nach da draußen muss. Also müssen sich alle ändern oder ich muss mich ändern.
Das ist ein Nobrainer.

Oder das Draußen.

6 Kommentare

  1. Ich freu mich sehr, dass unser Telefonat ein Lichtblick war! (Ich gehe ganz egoistisch davon aus, gemeint gewesen zu sein) Das ging mir ganz genauso und ich finde es grossartig, mit Dir jemanden gefunden zu haben, den ich, wie sag ichs, sehr mag, sehr schätze, als moralische Instanz sehe, mit dem ich sehr viele Ansichten teile, manche aber auch gar nicht und das ist alles ok und wunderbar. Dieses Gesamtpaket stimmt für mich selten, bei Dir aber schon.

    Ich hoffe so sehr, dass wir irgendwann, alt und grau, auf diese Zeit zurückblicken und sagen: „Mei, wir haben schon echt verrückte Zeiten durchgemacht. Und am Ende wurde alles gut, aber zwischendrin waren wir echt nicht sicher.“

    1. Ich muss mir abgewöhnen, Kommentare im Backend zu beantworten. Da ist nämlich nur eine Vorschau Deines Kommentars zu sehen und dann les ich nur die ersten beiden Zeilen und dann antworte ich sowas wie „jaja, richtig“ und das ist so vollkommen unangemessen, dass ich gerade gern im Boden versinken möchte vor Scham. Ich bin schon echt ein online-pro.

      Ich freue mich da auch sehr drüber, über dieses Kennenlernen. „Moralische Instanz“ macht mir auch nur ein klein wenig Angst und das ignoriere ich tapfer und bin einfach froh, Dich kennen gelernt zu haben. Und darüberhinaus hast Du das wunderbar beschrieben und ich gucke mir das manchmal etwas staunend an, wie gut das geht mit diesem Gesamtpaket.

      Und ich bin sicher, wir gucken irgendwann mal, ohne Video, zurück und lachen und staunen. We have a date: Wenn alt und grau!

  2. Das kleine Land im Norden ist eine sehr gute Idee. Did it a time ago, love it still now – more than ever…And miss it so much. Alles Gute!

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