16.5.2024 – That’s what friends are for.

Belangloser Tag, daher ein paar Gedanken, die seit ein paar Tagen im Hinterkopf abhängen. Auslöser war diese kleine Grafik auf Instagram:

Ich habe die auch in meiner Story geteilt – ergänzt von dem (durch einen Smiley Internet-rechtlich vollkommen korrekt als leicht ironisch gekennzeichneten) Satz: „Probiert’s doch gleich aus“. Und einem Link zu meinem IG-Profil für mein musikalisches Alter Ego.
Es passierte: zu mehr als 99% nichts.

Ach ja, wichtig: Falls Sie gerade zufällig in die Schnittmenge „Leserin hier UND Followerin dort“ fallen: Ich möchte Ihnen jetzt gerade hier absolut nicht ans Bein pissen. Ich überlege wirklich nur und verlasse in meiner gerade etwas schwierigen Doppelrolle als kleiner Künstler UND Internet-Erklärer jetzt erstmal die Rolle des Künstlers und bin wie hier gewohnt Erklärbär pur.

Denn meine Vermutung geht in die Richtung, dass in der Allgemeinheit nicht bekannt ist, WIE sehr uns diese ach so sozialen Netzwerke alle ficken und WIE sehr diese es kleinen Artists unmöglich machen, ohne eine gut gefüllte Portokasse im Hintergrund auch nur im kleinsten Ansatz sichtbar zu werden.

Genährt wird diese Idee dadurch, dass sowohl in vielen unserer Köpfe noch die idealistischen Ideen aus der Frühzeit des Webs über Demokratisierung von Wissen und Können herumschwirren. Dass vielleicht noch viele glauben, wenn jemand viral geht, dann hat sie hat etwas besonders schönes gemacht und deswegen schließen, dass sich Qualität noch immer durchsetzt.
Dass kaum jemand bedenkt, dass auf 1 virales Video grob geschätzt 1000 Stunden Video auf YouTube hochgeladen werden*.
Dass uns die großen Player wie Spotify oder YouTube auch suggerieren, man können es alleine schaffen und uns sogar in ihrer Güte Tutorials anbieten, wie wir den Kontakt zu unseren Fans aufbauen und stärken können.

*) Das ist sehr optimistisch gerechnet, denn es unterstellt alle zwei Tage ein virales Video, was ich eigentlich für unwahrscheinlich halte.

Dagegen steht dann zB Lena – formerly Meyer-Landrut und sicherlich exakt auf der anderen Seite der Bekanntheits-Skala von zB mir aufgestellt – die vor ein paar Wochen ein Reel machte, in dem sie erklärte, dass sie durch die Spotify-Algorithmen dazu gezwungen wird, dass möglichst viele Menschen ihr neues Album pre-safen**. Weil es das sonst mit dem Erfolg ihres neuen Albums war, schon bevor es heraus gekommen ist. Der Algorithmus*** bestimmt nämlich, wie oft eine Neuerscheinung zB in Empfehlungs-Playlists gepackt wird und das wiederum ist dann für den eigentlichen Erfolg wichtig; nur von den Fans kann inzwischen offensichtlich auch Lena nicht mehr leben, auch sie benötigt wohl die Breite der Gelegenheitshörerinnen dazu.

**) Exkurs: Das Dumme ist, dass pre-safen der Plattenfirma vollen Zugriff auf mein Spotify-Konto gibt – ich hatte das hier schon einmal beschrieben und bebildert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

***) Die Zeiten, in denen Menschen mit Musik-Kenne die Playlists zusammen gestellt haben sind übrigens vorbei – nur als Randbemerkung, falls das noch in ihren Köpfen herumspukt.

Der Instagram-Algorithmus – um mal wieder dorthin zurück zu kommen – möchte im Moment Videos und Selfies, am besten Selfie-Reels, wo man als Creator etwas in die Kamera spricht. Menschen, die sich, ihr Gesicht oder ihre Umgebung aus Gründen nicht zeigen können oder möchten, sind also schon mal raus aus dem Game. Menschen, die es sich nicht antun möchten, dass man sie über ihr Äußeres bewertet bzw dafür hasst, ebenfalls.

Und darüber hinaus ist man halt vom Engagement der Followerinnen abhängig. Wie oben beschrieben sind aktuell Bookmarks ziemlich gut und einen Post zu teilen ist eh immer super, denn es verschafft Reichweite.

Wenn Sie meine Insta-Stories verfolgen, dann wissen Sie, dass sich dort eine Menge Gesellschaftspolitik abspielt (das killt eh meine Reichweite, aber das ist eine andere traurige Geschichte), dazwischen lustiger Unfug und immer mal wieder geteilte Hinweise auf Podcasts, Singles, Konzerte oder Ähnliches. Vielleicht erschrickt es Sie, aber das bedeutet nicht immer, dass ich die jeweiligen Produkte so extrem geil finde, dass ich meine Followerinnen jetzt missionieren will.

Oft bedeutet es: Hey, hier hat jemand, den ich grundsätzlich sehr ok finde etwas gemacht. Mit den eigenen Händen. Nachts mit müden Augen, weil tagsüber der Brotjob erledigt sein wollte. In einem zusammengebastelten Studio oder Atelier mit einem Mikro von Pearl oder Pinseln von Action weil für mehr die Kohle nicht da ist. Weil die fehlende Kohle aber von Liebe zur Kunst, von dem Drang, etwas erschaffen zu wollen, mehr als zehnfach wett gemacht wurde.

Und weil ich finde, dass in einer Zeit, in der Algorithmen – und wir wissen alle, dass Algorithmen nichts anderes können, als Durchschnitt, aber niemals Kunst, auszuspucken, ja? – bestimmen****, was wir hören – dass also in dieser Zeit jede gefeatured und empowered und geliebt gehört, die versucht, Kunst und nicht Durchschnitt zu erschaffen.

****) Hier könnte man schon wieder einen eigenen Artikel darüber machen, wie Spotify auch den Stil der aktuellen Musik bestimmt und immer weiter vereinheitlicht – aber das sprengt diesen Rahmen dann endgültig

So, wo Sie schon mal – danke dafür! – hier angekommen sind, mach ich die Doppelrolle doch einfach wieder auf: Wenn ich hier, hier in meinem kleinen Blog, das für heutige Blog-Verhältnise schon sehr ok viele Leserinnen hat (und die besten sowieso!) – wenn ich hier also Werbung für meine kleine Single mache, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, dass Sie alle mein Synthesizer-Geblubber toll finden und ab sofort nichts anderes mehr hören. Das ist äußerst unwahrscheinlich und das weiß ich.

Es bedeutet nur, dass ich die Hoffnung hege, dass Sie mir ein minikleines bisschen helfen, das Geblubber ein ebenso minikleines bisschen bekannter zu machen, damit es Menschen, die es vielleicht mögen würden, überhaupt entdecken können. Sie können ja hier auf Play drücken und sich dann einen Kaffee holen; Sie können auch hier auf „Folgen“ klicken und dann die Stories immer skippen. Das macht mir und auch zig tausend anderen Artists überhaupt nichts aus; ganz im Gegenteil: Es hilft uns trotzdem.
Die Zeiten haben sich geändert, anders gehts heute nicht.
Also es sei denn, Sie haben feste geerbt, wobei: Selbst dann – siehe Lena – scheint das nicht sicher.

In einer gewissen Weise finde ich sogar, dass wir damit wieder an das Versprechen des frühen Webs zurück kommen: Wir alle zusammen können so unbekannte Kunst sichtbar machen, wir können Öffentlichkeit herstellen, wo sonst keine entstehen würde – wenn wir nur wissen wie (aber das wissen Sie ja jetzt).
Und mal im Ernst: bei facebook bei Colplay auf „Like“ klicken – das konnte doch nur wirklich jede. Da sind wir doch besser, oder?

So, der Artikel ist eh schon viel zu lang, also .com, noch ein Tipp: ich hab in meinem Instagram einen Bookmark-Ordner, in den ich nie reingucke. Er heiß „help“ („support“ wäre vermutlich schöner gewesen) und in den speichere ich ohne Ansehen alles, was irgendwie die oben beschriebenen Kriterien auch nur entfernt trifft. Danach sehe ich das nie wieder und wenn ich es mir wirklich merken will, dann speichere ich es noch in einen zweiten Bookmark-Ordner. Es kostet zwei Klicks und es hilft Menschen, die die Welt schöner machen möchten.

Danke für die Aufmerksamkeit; ich drücke jetzt auf „veröffentlichen“ und gehe dann als Regie-Assistent und Fotograf in ein kleines, unabhängiges Amateur-Theater und Regie-assistiere und fotografiere da die Menschen, die die Welt mit nicht-durchschnittlicher Kunst etwas schöner machen wollen.

Vi ses!

5 Kommentare

  1. Das ist keine Entschuldigung:
    Ich bin hauptsächlich am heimischen Browser im Internet unterwegs, auch auf Instagram. Da kann ich keine Stories teilen, was mich schon immer komplett anätzt. Ich kann aber ein Lesezeichen setzen, damit ich die Story nachher am Handy auch wieder finde und dann teilen kann und da ich jetzt weiß, dass auch das bookmarken hilft, werde ich zumindest das mit Freuden tun. Und es weiter erzählen, vielleicht wissen das andere auch nicht.
    Danke, dass du immer wieder den Bären gibst!

    1. Ich hoffe auch sehr, dass ich nichts geschrieben habe, was nach „Entschuldigen Sie sich gefälligst, Herr Müller!“ klingt!

      Aber gut, dass Du das erzählst, denn das kommt ja zu nicht-wissen auch noch dazu: Aus Gründen (Admin, IT-Gegebenheiten, … )nicht reagieren können.
      Ich hab mal erfahren, dass bei der Stadtverwaltung mein altes Blog auf der Blacklist stand, weil die Angestellten nur „wichtige Seiten“ aufsuchen durften …

  2. Ich habe jetzt einfach mal auf „Play“ gedrückt und habe mir keinen Kaffee geholt, sondern der Musik zugehört und auf dem Full Screen das Meer und das Boot angesehen und vielleicht ein kleines bisschen gespürt, warum Ihnen Dänemark so gefällt. 3 Minuten Träumen hat gut getan. Die Musik ist total entspannend und schön. Vielen Dank dafür!

    Hoffentlich hat das Play-Drücken in irgendeiner Form geholfen. Von Internet und Playlists und den ganzen Anbietern, die das Geld für die kleinen und großen Künstler abgreifen, habe ich Null Ahnung. Ich höre meine Musik selten über diese Kanäle, habe noch Platten, Kassetten und CDs und schwelge in den 60ies und 70ies.

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