Und es geschah zu dieser Zeit, dass ich eine Lösung für eine digitale Weihnachtskarte mit den Adressen der Kundin füllte; eine Art E-Card, wenn Sie so wollen (Die älteren werden sich erinnern). Diese E-Card ward irgendwann einmal nötig, weil ich erwähnte, dass je nach App und Einstellungen bei den Empfängerinnen Mails nicht immer pixelgenau gleich angezeigt werden. Oder Bilder halt nicht drin sind. Oder man im Spam landet – und all das wollte niemand.
Ich programmierte damals also eine Lösung in meinem Lieblings-CMS, in die man nur noch eine Excel-Liste hineingeben muss und die dann daraus mehrere hundert E-Cards mit individuellen Texten und URLs macht. Dann stellte man fest, dass die Empfängerinnen ja auf diese E-Card hingewiesen werden mussten und erstellte im firmeneigenen CRM eine pixelgenau gestaltete E-Mail mit vielen Bildern, in der sinngemäß steht „Wir haben Ihnen eine Weihnachtskarte geschickt – Klicken Sie hier“.
Die Agentur und ich haben gestern überlegt, wann denn wohl der beste Zeitpunkt im nächsten Jahr ist, um (wieder) auf die winzigkleine Unlogik in diesem Ablauf hinzuweisen. Und ich habe eine dunkle Ahnung, was ich Ihnen hier im nächsten Jahr rund um den 15.12. erzählen werde.
Die Kundin, die sich aus Gründen selbst um den Umzug einer Domain kümmern muss, ist inzwischen da angekommen, wo es auf einem ausgedruckten Formular die Angabe von Zeugen braucht, damit die Unterschrift anerkannt wird. Ich mampfe Popcorn und beobachte das mit Spannung.
Darüber hinaus entsteht eine gewisse Vorweihnachtsruhe hier im Büro, das fühlt sich seltsam an. Jetzt gerade ist es zum Beispiel zwanzig vor zehn, ich habe schon den täglichen Besuch beim gerade erwähnten Hoster gemacht, um zu kontrollieren, dass dort immer noch nichts geht. Und dann – und das ist schon das seltsamste – bin ich nicht mehr von irgendeinem tagesaktuellen Scheiß getrieben, sondern könnte jetzt mal an die Sachen gehen, die schon länger liegen.
Nachmittags bei Frau Doktor, die muss nämlich ihr OK geben, dass ich wieder zur klugen Frau gehen darf. Diese zeigte mir übrigens gestern die Auswertung eines der Tests, die ich Rahmen der Diagnostik gemacht hatte. Mit den Worten „na, so klar hatte ich das bisher in der Praxis auch noch nicht“. Richtig, nur ein Teil der Diagnostik, aber ein recht eindeutiger. Bleibe ich doch mal gespannt.
Bei Frau Doktor wieder froh gewesen, dass auch im Jahre drei nach „Corona ist doch vorbei, Christian“ bemerkenswert viele Patientinnen mit Maske draußen vor der Tür warteten.
Nicht so froh darüber gewesen, dass ich sowohl das Stück Papier, wegen dem ich da war als auch meinen Impfpass zu Hause hatte liegen lassen.
Nach Jahren, in denen der arme Insta-Werbe-Algorithmus mir immer wieder die gleichen Anzeigen für PlugIns zur Erweiterung meines virtuellen Musik-Studios anzeigen musste, habe ich Anfang Dezember mal auf eine verzweifelt dazwischen geschobene Anzeige für einen dänischen Modeshop geklickt, weil ich dachte, der Stil könnte der Liebsten gefallen.
Wenn Sie also mal einen wirklich komplett frei drehenden Werbe-Algorithmus sehen wollen, dann kommen Sie gern vorbei. Kein einziges Musik-PlugIn mehr, sondern Mode, Mode, nur noch Mode. Von XXS Lack und Leder Fähnchen bis zum isländischen Strickpulli in 10XL, vom alles-für-vier-neunundneunzig bis zu 1350,- für ein schlichtes, graues Sale-T-Shirt* ist alles dabei und wenn ich Insta aufmache höre ich es leise flüstern „Endlich ist er bei den normalen Menschen angekommen“
*) was ja auch wieder beweist, dass das alles noch nicht so richtig funktioniert.
Mittags klingelte ein DHL-Männchen und überreichte eines von diesen circa 30 × 30cm großen Päckchen, die immer direkt auf dem Plattenspieler landen. Ich bin meinem Vergangenheits-Ich sehr dankbar, dass es offenbar auf eine Anzeige geklickt hat und erst recht bin ich meiner Neurodivergenz dankbar, dass ich das wirklich komplett vergesen hatte und so gestern von einer Meldung aus der Pakete-App komplett und sehr freudig überrascht wurde:
Zum 50. Jubiläum hat ECM das Köln Concert von Keith Jarret noch einmal schick neu in Vinyl gepresst und mit etwas Beigaben in ein Bundle gepackt.

Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich kannte das Album nicht*. Bin vielleicht zehn, zwölf Jahre zu jung, damit es – wie für ältere Freundinnen – das Album meiner Generation** hätte werden können. Und zu alt, um irgendwann auf eine der wieder-ausgegraben-Wellen aufzuspringen.
*) Mein Gott, ist das schön (jaja, late to the party).
**) Also in dem Sinne, dass eine Generation sich einig ist, dass DAS irgendwie schon das wichtigste, beste Album ist, selbst wenn man geschmacksmäßig durchaus auch andere Vorlieben hat – man aber die Qualität einfach anerkennen muss.
Irgendjemand hat mal behauptet, dass Kruder & Dorfmeisters „DJ Kicks“ das Köln Concert meiner Generation sei. Und jetzt interessiert mich ihre Meinung – also zum „Köln Concert“, zu K&Ds „DJ Kicks“ und überhaupt zu dem Terminus „Album einer Generation“. Haben Sie sowas? Ob es das heute noch gibt?
Ich rechne übrigens gerade nach, dass dieses Album für heute 16-jährige so alt ist, wie es „Bei mir bist Du schoen“ für mich war, als ich 16 war. Eher Großeltern- als Elterngeneration.
Grundgütiger. I’m not ready for this sort of thing.
Außerdem drückte mir das Männchen ein Päckchen für die Nachbarn in die Hand und da die neu sind und ich bisher immer nur im hektischen Vorbeifahren viele verschiedene Menschen beim Tragen von Kartons sah, bin ich super froh, dass es damit jetzt eine offizielle Situation für „Ach, Ihr seid die Neuen? Wir sind die netten Nachbarn mit dem extrem guten Musikgeschmack“ gibt.
Danke fürs Teilhaben und Dabei-sein. Wenn Sie wollen:
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen,
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist. Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke für wenige oder auch sehr viele Euro.

DU KANNSTEST DAS KÖLN CONCERT NICHT???
Entschuldige, das war etwas laut, aber ich kann es nicht fassen. Ausgerechnet du, der so viel verschiedene Musik kennt!
Aber ich beneide dich auch ein bißchen um das Vergnügen des ersten Hörens (oder der ersten Male). Machst du uns dann die Elizabeth? Bitte bitte? :-D
Die Alben meiner Generation lassen sich übrigens nicht auf eins beschränken. Damals war alles noch neu und es gab sooo viele großartige Alben. Mein persönliches „for ever and ever“ ist Dark Side of the Moon, aber das gilt sicher nicht für alle.
Hihi, nein, ich kannte es nicht. Mag vielleicht auch ein bisschen an meinen Hype-Vermedungs-Tendenzen liegen, denn, Achtung: Sowohl Dark Side of the Moon als auch das oben erwähnte MTV Unplugged habe ich lange vermieden.
Ach Gott ja, das Köln Concert! Morgens um 4h nach einer verrückten Nacht, mit dem letzten halben Glas Rotwein machte es alles vollkommen.
Ich glaube, exakt DAS ist die Defintion der Zeit und des Albums, so wie ich es verstanden hatte :)
Ich weiß nicht, ob es so ein Album meiner Generation gibt – am ehesten für mich wäre es wohl Nirvanas Unplugged in New York? Wirft auch direkt die Frage auf, wie ich meine Generation definiere, ich glaube ich bin in das Album vielleicht als eine der jüngsten mit reingerutscht…
Keith Jarret kenne ich übrigens nur durch meine Eltern, aber die sind deutlich älter als Du.
… was ziemlich zeitgleich mit dem erwähnten DJ Kicks erschien und damit beide Alben vom Podest stieße :D
Oder die Schwächen des Konzepts aufzeigt.
Also mein Köln Concert ist das 101-Finale von Depeche Mode im Pasadena Rosebowl. Kunststück, das Album war eins der letzten, die DT64 vor der Wende komplett zum Aufnehmen gespielt hatte. Und ich war – Trommelwirbel – 16.
jo, versteh ich auch gut.
Auch in meiner Generation gibt es auffallend viele. Vielleicht kann Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles als bahnbrechend bezeichnet werden.
Stimmt, Stg Pepper’s hat einen ähnlichen Ruf. (haha, kenn ich auch quasi nicht)
Moin, ich finde es unnötig und respektlos den DHL-Mann „Männchen“ zu nennen.
Schöne Weihnachten
Das ist vielleicht leider richtig. Mein Konstrukt, dass ich „Männchen“ in solchen Berufen sehr hoch schätze ist nach außen ja gar nicht so ersichtlich.
Merci für den Hinweis.
Hihi, ich bin nochmal ein paar (wenige) Jahre jünger als Du und höre „Bei mir bist du schön“ deutlich häufiger als Jarrett, K&D oder inzwischen auch das Nirvana unplugged. Letzteres habe ich früher auch öfter gehört, stellte neulich aber fest, dass es mir nicht mehr so viel sagte. Nicht gut gealtert? Anderes aus der Zeit funktioniert für mich heute noch besser. Mag zwar auch an meinem nischigen Musikgeschmack liegen, aber stimmt schon: auf Nirvana konnten sich dann doch die meisten irgendwie einigen.
Ich bin da auch erst vor kurzem drüber gestolpert worden, als im Radio der Film dazu vorgestellt wurde. Den Film habe ich bis heute nicht gesehen, die Platte ist aber schon schön.
Den Film „Köln 75“ gibt’s in der ARD Mediothek.