16.12.2020 – so gut, dass nichts klappt

Heute die Liebste zur Kontrolle gefahren und nach zehn Minuten wieder eingesammelt. Ergebnis: Zwei Augen zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten mit frischen Linsen versehen.
Auf dem Rückweg Nebelbänke und Sonnenaufgang zum Niederknieen hinterm Haarstrang – aber ich hatte keine Kamera dabei, das überlasse ich jetzt Ihrer Phantasie.

Dann an den Schreibtisch. Noch zwei Tage bis hier die Urlaubsschilde hoch gehen.
Die groß angekündigte Weihnachtsrundmail hat jetzt statt 180 nur 7 Empfänger, aber nun denn, dann haben wir wenigstens die CMS-Erweiterung für die nächsten Jahre schon mal stehen.

Ich fürchte, ich habe heute jemandem geschrieben: „Ich bin zuversichtlich, Besucher:innen klicken auf das Wort »Preisliste«, wenn sie die Preisliste suchen.“ weil der gute gerade beginnt, sich seine vor einem Jahr fertig gestellte Website das erste Mal anzusehen und jetzt alles anderes will als damals geplant. Konkret möchte er immer das, was ihm in diesem Moment wichtig ist auf der Startseite. Nächste Woche wieder was anderes.
Das führt zu Startseiten auf denen alles auf einmal um Aufmerksamkeit buhlt. Und genau deswegen machen wir die Preise nicht auf die Startseite.


Heute Morgen beim Aufwachen gedacht:

Betrachtet man dieses Jahr erstmal ganz sachlich als einen Prozess, den es zu beschreiben gilt – und wir erinnern uns an den Deutschunterricht: Beschreibungen sind nicht wertend – dann bleibt:

Wir – als Gesellschaft – wurden mit einer komplett neuen Situation konfrontiert. Wir bekamen dazu recht schnell Informationen, wissenschaftliche Informationen um genau zu sein, und dann sind wir mit dem ganzen Paket umgegangen. Medien haben berichtet, Politiker Entscheidungen dazu getroffen, Menschen ihr Handeln angepasst* oder verändert oder darüber an diversen Stellen diskutiert. Der übliche demokratische Prozess lief ab.

*Oder aber auch nicht angepasst, ja, das sehe ich leider genau so.

Und während ich so vor mich hin dachte, da kam mir der Gedanke, dass uns Corona zum einen gezeigt hat, dass unsere Demokratie ziemlich gut funktioniert. Aber auch, dass sie in bestimmten Ausnahmesituationen nicht so gut funktioniert.
Vielleicht sogar, dass sie mit der Reaktion auf Corona versagt hat, weil sie sonst so gut funktioniert.

Ich führ das mal aus: Wir sind gewohnt, dass Medien alle möglichen Sichtweisen einnehmen. Dass Politiker mit unterschiedlichen Prioritäten auf Situationen blicken. Autobahn oder Schwarzstorch – da kann man eine Meinung zu haben, was wichtiger ist an dieser Stelle. Sind die wichtiger, die das Geld für das Wachstum insgesamt und das soziale Netz der anderen verdienen – oder ist es wichtiger, dass es erst allen gut geht, bevor wir wachsen?
Dazu kann man unterschiedliche Meinungen haben, das ist quasi des Politikers Job.

Und außer den Nazis unterstelle ich auch niemandem, dass sie Menschen schaden wollen. Manche nehmen mit ihrer Meinung nur mehr Schäden in Kauf als ich es täte – aber so weit insgesamt: Alles ziemlich in Ordnung.
Auch die Medien, die uns das erklären: Läuft größtenteils.

Bevor etwas wirklich entschieden wird, muss es generell durch einen nicht kleinen Apparat an Diskurs, Gremien, Diskussion und verschiedenen Abstimmungen. Dass jemand alleine wirklich komplett alleine und vollkommen an der Öffentlichkeit vorbei einfach macht, was ihm gefällt: Nö.

Und auch das föderalistische System stützt das. Unsere Bundesländer haben durchaus einige Macht, Entscheidungen zu stützen oder zu blocken und insgesamt – also verglichen mit Monarchien oder Diktaturen läuft das prima.

Ich glaube, das unsere Demokratie eigentlich ziemlich prima funktioniert.

Problem: Das Virus hat uns vor eine absolute Situation gestellt: Reagiert jetzt oder Menschen sterben. Jeden Tag mehr.
Absolute Situationen sind wir nicht gewohnt, aber einem Virus gegenüber, was vollkommen unbeeindruckt von Zeitung oder Pressekonferenz-Statements einfach Menschen umbringt ist Diskurs nicht die richtige Antwort. Meinungen abwägen auch nicht.
Denn wir diskutieren ja gar nicht mit dem Virus, wir diskutieren ja nur untereinander – ich fürchte das vergessen viele. Und so diskutieren plötzlich zB die, die wissenschaftlich erklären was das Virus macht in einem Stellvertreter-Unterhaltung mit denen, die gerne aus Gewohnheit die Gegenposition einnehmen.
Weil Diskurs ihr Job ist.

Was natürlich vollkommener Blödsinn ist, denn das Virus verbreitet sich derweil einfach weiter und – Verzeihung – scheißt auf Diskurs, pluralistisches Miteinander und Presse- & Meinungsvielfalt.
Die Pandemie verhält sich halt nicht demokratisch.

Darauf ist unser System leider nicht ausgelegt – und wie es sich bewiesen hat: die Menschen, die aktuell das System repräsentieren auch nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie die Andersartigkeit der Situation nicht anerkennen und fröhlich weiter um einzelne Öffnungstage schachern.
Ja, das ist bei den meisten Entscheidungen gut, diesmal aber ein Fehler.

Jetzt bin ich ja prinzipiell jemand, der es gut findet, wenn Fehler passieren – denn ohne Fehlermeldungen kann man nichts debuggen ändern.

Ich sehe da nur ein Problem: Wir stehen neben einer Pandemie noch vor anderen Problemen, die sich ebenfalls nicht an unsere föderalistische, gewaltengeteilte Diskurs-Kultur halten.
Unsere Demokratie, unsere Diskussionskultur, unsere Medien, das ganze Konstrukt war super um unser Land nach der Disktatur neu aufzubauen.

Um einen steigenden Meeresspiegel aufzuhalten aber nicht so sehr – denn der diskutiert halt auch nicht. Der ist auch kein Demokrat.

Und das macht mir Angst. Angst vor denen, die auch das Klima mit der gleichen Vehemenz und der gleichen inneren Scheißegaligkeit diskutieren, wie sie vorher ein neues Straßenschild oder die Erhöhung der Pendlerpauschale besprachen oder die Wichtigkeit der offenen Schule.
Die nämlich immer in der Sicherheit arbeiten, dass sie abseits der Diätenerhöhungen eigentlich nie etwas wirklich berühren muss, was sie gerade diskutieren.
Deren Expertise nicht Fachwissen ist (das sind Wisenschaftler), sondern Diskurs (Politiker eben).

Und die genau deswegen nicht anerkennen können, dass es Dinge gibt, mit denen man nicht diskutieren kann – weil der Diskurs doch schließlich ihre tägliche Aufgabe ist.

Ich fürchte: In diesem System muss dringend debuggt werden.

Sie finden gutes altes Tagebuchbloggen gut?
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen!
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier meine Wishlist finden; Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke zwischen acht und sechstausend Euro.

1 Kommentar

  1. Ich habe mir gerade in den letzten Wochen (gegen mein eigenes Demokratieverständnis) gelegentlich gewünscht, dass Merkel auf den Tisch haut/hauen kann und sagt: Das machen wir jetzt so und damit Basta!
    Da sie nicht nur Politikerin ist (Jobbeschreibung Diskurs) sondern auch Wissenschaftlerin (Jobbeschreibung Fachwissen), hätte sie das gut gemacht und uns vielleicht viele Kranke und Tote erspart. Und ich hätte mir gewünscht, dass genügend Politiker mit der Jobbeschreibung Diskurs gesagt hätten, wir machen das jetzt einfach so, wie Frau Merkel das einschätzt und halten mal die Klappe. Aber die Jobbeschreibung Diskurs kann ums Verrecken nicht „mal die Klappe halten“.

Kommentare sind geschlossen.

Die Website benötigt Cookies. Ich nutze Matomo, um zu sehen, welche Artikel Sie interessieren. Matomo ist lokal installiert, es werden keine Daten mit externen Diensten ausgetauscht oder Cookies gesetzt. Auf Anforderung können Sie zB Videos ansehen, die dann weitere Cookies setzen.