Wegen des großen Erfolgs meiner kleinen Antwort auf die Frage, ob kranke Menschen immer über ihre Krankheit sprechen müssen vor ein paar Tagen …
… und auch wegen einiger sehr guter Unterhaltungen im Nachgang (Danke dafür, ich habe alle wirklich sehr geschätzt) …
… weil ich mittendrin in einem solchen Gespräch den Satz „ich sehe keinerlei Bemühungen“ las und merkte: Ja, meine Bemühungen sind garantiert auch unsichtbar, weil sie an einer vollkommen anderen Stelle stattfinden, als man im gesunden, „normalen“ Leben als Bemühung empfinden würde …
… und weil wir gestern Abend – und wir können das überhaupt nicht genug als großartigen Erfolg auf dem Weg zurück zu einem besseren Leben feiern – auf einem Konzert waren, schreibe ich diesen kleinen Konzertbericht mal mit allen Widrigkeiten, bei denen ich mir Mühe geben musste.
Vorbemerkungen:
Sorry, es wird weniger als sonst um Musik gehen.
Ich tue das nicht, um Mitleid zu heischen (ganz im Gegenteil, auf Mitleid kann ich gar nicht), sondern um einen Einblick zu gewähren.
Ein Konzert also.
Die Geschichte dieses Konzertes beginnt im September 2024, als uns etwas geschieht, dass viel zu viele Monate lang als das „Unblogbare“ hier im Blog mit schwimmt. Es kostete ab da laufend einen riesigen Teil unserer Energie und zieht sich über anderthalb Jahre bis in die ersten Monate dieses Jahres.
Als man sagen könnte „es ist vorbei“ falle ich in eine depressive Phase und kämpfe mich seitdem wieder raus.
Im Laufe des Jahres 2025 haben wir diverse Male Konzertkarten gekauft, so wie wir das halt immer getan haben – und dann haben wir jedesmal jeweils an dem Tag des Konzertes festgestellt, dass wir gerade keine Kraft haben.
Grob über den Daumen sind da bestimmt fünf- bis sechshundert Euro in den Orkus gewandert, wir waren nicht bei Kraftwerk, ich habe Tina nicht getroffen, es war immer richtig Scheiße und ein Gefühl des Scheiterns, aber wir haben es irgendwann begriffen und keine Karten mehr gekauft. Außerdem – so etwas ist Angsterkrankungen eigen – habe ich eine solide Angst davor entwickelt, dass das nächste Konzert wieder nichts wird und ich nie wieder ein Konzert sehen werde. Angst vor der Angst also.
Vor einer Woche tickerte mich BandsInTown an, dass das Tingvall Trio spielen würde. In Coesfeld. (Wo???) Das Tingvall Trio hatten wir schon 2025 einmal sausen lassen müssen und es sehr bedauert, no pressure, nein nein, no pressure, das ist kein Omen, Christian. Trotz der Vorgeschichte waren wir mutig und ich drückte auf „kaufen“ – mutig sein bedeutet vor allem: Nicht auf die Emotionen hören, mir nicht selbst glauben, sondern darauf vertrauen, dass ich eigentlich ja weiß, dass ich das alles so sehr mag.

Ein Tag mit einer Stunde Fahrt hin, zwei Stunden Konzert und einer Stunde zurück braucht Vorbereitung: Zuerst: Gibt es noch Plätze am Gang? – denn woanders zu sitzen geht eh nicht. Dann: Wie viele Stunden Schlaf brauche ich vor dem Losfahren, bis wann kann ich also vorher arbeiten, kann man da parken, wie viel Zeit von Parkplatz zur Venue, kann man das ohne Jacke laufen, denn eine Situation an der Garderobe zwischen 1200 anderen Menschen würde mich überfordern, wie sieht die Verkehrslage aus, wann muss das Auto an den Strom – das will alles bedacht sein, um alle überraschenden und damit kraftzehrenden Situationen zu minimieren. Gestern war ich zusätzlich vorher noch bei der klugen Frau, kam reichlich traurig zurück und musste eigentlich erstmal viel denken; nicht ideal, aber nun denn.
Richtig: Vorfreude kam im letzten Absatz nicht vor, da muss ich vertrauen, dass die da irgendwo drunter schon ist.
Gestern ließ sich das zum Glück alles gut zusammenpuzzlen, Coesfeld ist ein ziemliches Kaff im Nirgendwo und man hatte Platz, gegenüber der schicken Konzerthalle einen wirklich großen, freien Parkplatz anzulegen. Gut, es konnte nicht jede die Linien auf dem Boden bedienen (Ja, der hat da wirklich geparkt. Mitten im Weg), aber ich nehm Situationskomik ja immer gern mit.

Beim Reinkommen automatischer Check des Baus und Lesen des Raumes: Wo sind die Wege, wo die Eingänge zum Saal, wo geht es raus, wo sind die freien Ecken, in denen man etwas Luft hat? Wie sind die Leute drauf? (Nein, ein Jazzkonzert an einem Dienstagabend ist kein Garant dafür, dass alle friedlich sind.) Dann sind die Luxus-Add-Ons dran: Gibts eine Theke, vielleicht Getränke und Snacks, in was für einem Verhältnis stehen Besucherinnen und Thekenpersonal – aka: „Wie lang ist die Schlange?“ Gestern war’s ziemlich voll, dafür erfreute der Bau, die Schlange war unendlich, obwohl die Ausschilderung der Theke schonmal erfreute. Also weder Wasser noch Brezel.


Und nein, immer noch keine Vorfreude außerhalb der Ratio. Dafür schießt die Angst im Sekundentakt neue Fragen ab – darüber, ob es in der Pause auch im Foyer voller wird, ob die Plätze ok sein werden, ob ich mit meinen 1.90 vernünftig werde sitzen können, ob die Sitznachbarn ok sein werden, ob ich wohl lange genug sitzen kann, ohne unruhig zu werden. Ob es mir gefallen wird, denn meine tiefe Liebe zu Musik hat eine echt unangenehme Begleiterscheinung: Ich ertrage keine schlechte Musik und sogar nur schwer die falsche zur falschen Zeit. Alles in allem also viel Angst vor der Angst, vor dem was passieren könnte wieder mal, wobei das von einem leicht kribbelnden Magen bis zur engen Brust und kaltem Schweiß jede Intensität erreichen kann.
Also weiter immer fleißig: All den Emotionen nicht zuhören, nicht glauben, mich nicht darauf einlassen, darauf vertrauen, dass solche Events zu tausenden jeden Tag überall stattfinden und es alles ok sein wird.
Gestern war – gemessen an meiner Grundverfassung – ausnehmend toll: In guten Momenten war ich voll in der Musik, um uns herum war sogar fast alles frei, es gab Vinyl zu kaufen und die Hinfahrt hatte ergeben, dass ein Autohof auf unserem Weg lag. Also doch noch etwas zu trinken nach dem Konzert.
Höchstens die Hälfte der Zeit war die Angst im Vordergrund, höchstens zweimal war ich in Gedanken bei der Jonglage der aktuellen Jobs, den Rest konnte ich gut zuhören und mich erfreuen.


So viel also zu dem Thema: Wo sich gerade neurodivergente Menschen vielleicht alles unsichtbar Mühe geben.
Danke für’s Lesen. Wie gesagt: Kein Mitleid nötig, denn in meiner Welt war’s ein etwas überdurchschnittlich anstrengender aber schon weil’s alles geklappt hat, guter Abend. Gemessen daran, dass wir überhaupt mal wieder in einem Konzert waren und schon so schnell nach dem totalen Loch vor ein paar Wochen noch, war’s sogar phantastisch gut.
Hier ein Ps, hier noch ein PPs.
Danke fürs Teilhaben und Dabei-sein. Wenn Sie wollen:
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen,
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist. Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke für wenige oder auch sehr viele Euro.

Wenn ich das lese, dann ist meine Hochachtung nochmal so groß, dass ihr überhaupt gefahren seid! Eine Frage habe ich für die Zukunft: Wenn das jetzt am Ende so gut gegangen ist, „ein etwas überdurchschnittlich anstrengender aber schon weil’s alles geklappt hat, guter Abend“, kann man das jetzt für den nächsten Event im Kopf oder Gefühl irgendwie speichern? (Ich habe es letztes mal geschafft, dieses Mal wird es genausogut gehen), oder ist das immer wieder so ein Kampf? Baut sich da mit den positiven Erfahrungen irgendwann eine Zuversicht auf? Jedenfalls herzlichen Glückwunsch für den Mut!
Ja, das ist exakt das Prinzip: Mein manchmal sehr dummer Kopf erfährt, dass es auch alles gut gehen kann und je mehr solcher Erfahrungen, desto besser – im Endeffekt eigentlich eine Konfrontationstherapie.
Anders als bei Christian ist mein Kopf wirklich dumm und merkt sich solche erfolgreich überstandene Situationen leider nur selten. Alles, was einmal Angst machte, macht es beim nächsten Mal auch wieder und der Prozess muss immer wieder durchlaufen werden. Ich gebe trotzdem nicht auf und hoffe, dass doch irgendwas hängen bleibt und es eines Tages ein ganz kleines bißchen leichter wird.
Hallo, ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, vorher beim Veranstalter anzurufen und um passende Plätze und Umstände zu erfragen. In der Regel werden dann wirklich Plätze am Rand und mit Rückzugsmöglichkeiten (oder auch problemlos gehen können) reserviert, so dass es auch möglich ist möglichst spät erst zu den Plätzen zu gehen. Kriegt sonst niemand mit und erleichtert die Situation sehr (gibt ja noch genug andere Schwierigkeiten zu meistern).
Zuallererst freu ich mich megamäßig mit, dass ihr es bis ins Konzert geschafft habt und dass deine Mühe sogar Freude an der Musik zuließ. Ich wünsch dir, dass genau diese Freude es ist, die in Erinnerung bleibt.
Zum anderen: es sind andere Szenen, aber sehr ähnliche Mühen hier. Ich fühle es so sehr. Und freu mich darum noch mehr mit.
Zum letzten: wieder ein großes DANKE, dass auch du darüber schreibst, offen damit umgehst, sichtbar machst. Die anderen sehen i.d.R. nur, dass wir da sind, dass wir einen Termin oder eine Aufgabe geschafft haben, dass wir im Konzert sind oder in diesem Draußen (denn gute Dinge sind oft genauso mühevoll wie schwierige) und können nicht verstehen, was daran so schwer war. Darum müssen wir auch darüber schreiben und reden, was davor in uns passiert. Wie du sagst: nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern Akzeptanz und im besten Fall Verständnis.
(Fühl dich umarmt, wenn du magst.)
Wieder einmal danke für Ihre Schilderung! In Vielem habe ich auch mich und meine Überlegungen, Abwägungen und Bemühungen wiedererkannt – trotz allem oder gerade deswegen: Weiter so!
Wieder danke.
Keine psychischen Probleme hier, dafür körperliche. Die gedanklichen Vorbereitungen sind sehr, sehr ähnlich. So bin ich denn nicht allein damit.
Weiterhin gutes Gelingen bei möglichen kommenden Planungen.
(( ))
Danke, aber kein Grund: Es war ein toller Abend.
Ich hänge derzeit etwas beim Lesrn hinterher.
Vielen Dank für diese Innensicht und das Erklären der „Bemühungen“. Vieles davon sieht eine von außen tatsächlich nicht; auch in anderen Zusammenhängen.
… und das finde ich vollkommen verständlich, dass man das nicht sieht.
Spannend, wenn man die Idee dafür und den Blick dafür ein bischen hat ist: Wie viele Menschen ganz furchtbar überanstrengt aussehen – ganz so als ginge es ihnen ähnlich – bei einem Konzert, samstags bei Ikea, auf der Kirmes …