15. – 17.2.2019 – Count To Ten

Freitag.

Morgens um sechs standen wir auf, packten den ganzen Kram ins Auto und begaben uns auf den Weg nach Norden. In unseren kühnsten Plänen hatten wir gedacht: „Dann sind wir so zwischen zehn und elf in Hamburg, da ist da noch kein schlimmer Verkehr und dann so zwischen zwei und drei in Århus, da geht’s da bestimmt auch noch.
Was soll ich sagen: Exakt so war es. Kein Stau, selbst an den üblen Baustellen nicht, wir fuhren einfach so durch den Elbtunnel, über die Grenze und nach Århus rein.

Wer mir vor ca. eindreiviertel Jahren im alten Blog (oder wars auf twitter?) aufmerksam zugehört hat, die weiß: Ich fahre einen tiefen, breiten, (für meine Verhältnisse) ziemlich schnellen Audi. Wer lange, lange, lange das alte Blog gelesen hat weiß: Ich fahre so gerne auch schnell, also wirklich schnell Auto, dass die Liebste mich mal mit einer Ferrari-Fahrt zum Geburtstag nachhaltig glücklich gemacht hat. 265 auf einer deutschen Autobahn und tagelanges Grinsen im Gesicht.
Heute habe ich den Tempomat auf 130 gestellt, den automatischen Abstandhalter auf den halben Tacho und habe nur noch gelenkt. Es war unfassbar entspannt und ich habe weniger als 6l Benzin/100km gebraucht – oder: Weniger als eine Tankfüllung – je nachdem, wie man sowas gern rechnet.
Wir waren exakt zur vorhergesehenen Ankunftszeit hier.
Ich fahre immer noch gerne schnell Auto, aber es gibt außer der puren Lust keinen Grund, gegen ein Tempolimit zu sein. Es fällt mir nicht leicht, aber der Kant-Jünger in mir sagt: Tempolimit.

Wir waren wieder im selben Hotel wie im Sommer, es fühlte sich etwas an wie coming home und vor dem Fenster rauscht die Ostsee, jenseits der Bucht leuchten die Lichter der Stadt. Es gibt weiterhin nichts, was mich so instantly glücklich macht.

Samstag:

Sich jahrelang ans frühe Aufstehen zu gewöhnen hat deutliche Vorteile: Wir verließen den Frühstücksraum (mit Blick aufs Kattegat!) schon wieder vollkommen gesättigt und erfreut, als die Horden frühstückwilliger gerade kamen.

Dann noch ein Stündchen am Fenster sitzen und aufs Meer gucken (daran könnte ich mich wirklich gewöhnen) und dann sind wir in die Stadt rüber gefahren. Haben mal die Location für den Abend gecheckt und … – Alter. Die Worte „größte Konzerthalle Skadinaviens“ hatte ich zwar gelesen aber noch nicht mit Inhalt gefüllt.

Direkt neben dem Musikhuset ist das Aros, das hatten wir im Sommer nur halb geschafft. Wir lernten diesmal: Wir hatten es sogar damals nur zu einem Drittel geschafft. Heute dann wieder die Hälfte der verbliebenen zwei Drittel und für die, die ich jetzt noch nicht mathematisch verwirrt habe: Wir müssen hier noch mal hin, sind dann aber durch.
Das zweite Drittel war wieder ziemlich beeindruckend.
Dann haben wir uns im Gaya einen Tisch für heute Abend reserviert, denn zwischendurch kam eine Mail mit Aftershow-Einladung und so ein langer Abend will ja einen Grundstock haben.

Dann erstmal Pause und Ausruhen für den Abend. Man soll ja auch das am-Fenster-sitzen und aufs-Meer-gucken nicht zu kurz kommen lassen.

Links in den letzten beiden Absätzen dürfen Sie gerne als Empfehlung verstehen, falls es Sie auch mal in diese Stadt zieht. Bezahlt haben weder Konzerthalle, noch Museum noch Cafe, geschweige denn die Stadt etwas dafür.

Abends dann gutes Essen am vorbestellten Tisch und dann sind wir zum Konzerthaus rüber; dafür waren wir ja hier: Tina Dico hat heute und Sonntag den Saal in ihrer Geburtstadt ausverkauft und wir waren dabei.

Ich erinnere mich – vor einigen Jahren, als ich die Idee hatte zu einer Fanpage für meine Lieblingssängerin, dass ich da dachte: „Vielleicht kriegste dann mal ’ne Bemusterungs-CD mit Autogramm und wenn’s ganz super läuft kannst Du ihr auf einem Meet&Greet mal die Hand drücken.“ What did I know?

Schaue ich heute auf diese letzten Jahre zurück, dann erfüllt mich nur eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was ich und wir erleben durften – auf so vielen Ebenen. Für „Na sicher kannst Du ’ne Fanpage machen – willst Du ein Grußvideo für die deutschen Fans?“ und für „Na sicher kannst Du Fotos machen – komm vorbei!“
Für die vielen Orte, die wir gesehen haben zu denen wir sonst nie einen Grund gehabt hätten, hinzufahren – ich denke da nicht nur an Elphi und das Konzerthaus heute, sondern auch die vielen anderen Locations.
Für die Menschen, die ich über die kleine Fanpage kennen lernen konnte und die vielen, denen ich mit verlosten Tickets oder Autogrammen eine Freude machen konnte.
Für die interessantesten Gespräche, oft über Dänemark und Island und Deutschland – und über Menschen und Musik und allerlei.
Natürlich für die Musik, die mir immer noch direkt in die Seele spricht.

Ich denke gerade, das Spiel „Fan“ habe ich komplett durchgespielt, da gibts keine versteckten Level mehr, keine Chance, noch mehr zu erleben.
Das ist etwas seltsam, so am Ende des Levels zu stehen und jetzt zu versuchen, das in eine gefühlte Alltagsaufgabe zu drehen.

Aber zurück: Das Konzert war wunderschön, es hat sich gelohnt, dafür 14 Stunden auf der Bahn zu verbringen. Fans im Heimatland, Fans in der Heimatstadt sind etwas anderes auch als die besten deutschen Fans; genau das wollte ich einmal erleben, genau deswegen habe ich die Anstrengung auf mich genommen und das war wirklich toll. Wir haben nachher noch alle besucht und kurz gesprochen und die Party dann recht schnell verlassen. Man findet nicht gut Anschluss, wenn alle anderen sich kennen und eine andere Sprache sprechen*. Also ich nicht.

*) Eine so furchtbar simple Erkenntnis übrigens, die das Wort „Asyltourismus“ noch einmal Lichtjahre absuder erscheinen lässt.

Diese drei Tage, zwei davon auf der Autobahn, die haben sich also bei all dem Wahnsinn gelohnt, aber die hab ich mir auch echt rausgerissen aus einem riesigen Arbeitsberg. Und jetzt ist es vorbei und ich bin etwas leer. Jetzt weiß ich wieder, dass die die daheim geblieben sind nichts besonderes erlebt haben, sondern dass die nur darauf warten, mich wieder anzurufen und mit Korrekturschleifen zu bewerfen.

Das ist seltsam, wenn draußen noch die Ostesee an den Strand rollt.

Sonntag:

Heimfahrttag. Heimfahrttage sind blöd. Vollsperrungen die einen mit-10km/h-über-die-Dörfer-Lindwurm nach sich ziehen sind blöd.
Irgendwann so in der Höhe vom Münster machte mein Stammhirn das entspannte Tempomat-mitschwimmen nicht mehr mit und ich habe mich auf die linke Spur und irgendwo in Richtung 200km/h begeben. Fazit: Ja, ich habe gegenüber der vom Navi berechneten Zeit auf 80km Autobahn 5 Minuten rausgeholt. Ja, es war echt anstrengend. Zu anstrengend. Zu nervig. 0.3l/100km gerechnet auf die Gesamtstrecke mehr.
Rechne ich mit ein, wie genervt ich war, als ich hinter der dänischen Grenze auf einmal wieder datauf achten musste, dass von hinten jemand angeschossen kommen konnte – Tempolimit.

Stellt sich die Frage: Würden wirs nochmal tun? Ich weiß es nicht. Anstrengend ohne Ende, schön ohne Ende. Zwei Tage rausgerissen und mit Blick aufs Meer aufgewacht und wenn man gerade das erste Mal nicht vollkommen vom Wellengeräusch überrascht ist muss man wieder weg.

Und dann kommste wieder in dieses Kaff und …
Und dann kommste wieder in dieses Kaff.

Und dann kommste wieder in dieses Kaff und hast sofort wieder Strandweh.

Sunrise.

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6 Kommentare

  1. Klingt für mich als würde da irgendwann mal eine Wohnortverlegung Richtung Meer erforderlich werden 🙂

    1. @ANNA: Klingt für mich, als hätte da jemand den versteckten Sinn zwischen den Zeilen gefunden 🙂

    1. Ach und außerdem: Besten Dank für den irgendwann verbloggten Hinweis auf „Zeit Verbrechen“. Hat uns beide Fahrten über bestens unterhalten.

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