In dringenden Fällen – ich vertraue da vollkommen auf Ihre Einschätzung – erreichen Sie mich unter der Adresse dingsbums@example.org, die ich einmal am Tag abrufe
So steht es in meinem Autoresponder im Moment. Ganz eventuell hat die echte Adresse auch noch das Wörtchen „urlaub@“ darinnen, um den Einschätzungsprozess ein wenig zu beeinflussen, vielleicht habe ich aber auch einfach nur die besten Kundinnen der Welt (ich vermute das). Jedenfalls ist dieser Autoresponder jetzt seit einer Arbeitswoche an und niemand wollte etwas von mir.
Was wiederum eine sehr wohltuende Abwechslung nach den letzten Wochen ist und zusammen mit der Tatsache, dass gerade alle alten Damen ganz gut versorgt, in Reha oder regelmäßig von professionellen Dienstleistern, die momentan keine Fragen mehr haben, besucht, und offensichtlich gut eingestellt sind, Raum zum Durchschnaufen und vorsichtige Versuche in Normalität zulässt.
Kurz zu Verpasstem: Vor ein paar Tagen hätte hier ein Artikel mit der Überschrift „11.8.2026 – 29, Alter“ stehen müssen. Das Öffnen des Blogs passte aber noch nicht in den Alltag, deswegen verweise ich Sie einfach mal auf den 11.8.2024, in dem eh Wort für Wort dasselbe steht. Enjoy. We do.
Ich habe überraschenderweise auch im letzten Monat online Dinge gelesen und in einer sehr automatisierten Routine Dinge, die ich aus unterschiedlichen Gründen lesenswert fand, in meiner Notiz-App unter dem Stichwort „Sammeln, sammeln, sammeln“ abgelegt. Das ist die Durchgangs-Kategorie, die dann hier im Blog landet. Oder auch manchmal nicht, denn manches lagert ja schon nach wenigen Stunden schlecht ab. Finden Sie also hier etwas …
Zeugs
… das sogar einen Monat überstanden hat:
Dass ich Vanessa sehr schätze, könnte Ihnen schon einmal aufgefallen sein. Sowohl Blog-lesend als auch persönlich bin ich sehr froh, dass sie in meinem Leben aufgetaucht ist – bedeutend später by the way, als es theoretisch möglich gewesen wäre, denn in einem anderen Jahrhundert teilten wir mal den selben Schulhof; kennen gelernt haben wir uns aber in diesem Jahrhundert online. Aber ich gleite ab.
Jedenfalls empfehle ich Ihnen, (vielleicht noch?) einmal diesen Artikel über ein Treffen zwischen Menschen, deren Regierungen die beiden noch vor gar nicht so vielen Jahren zu offiziellen Feinden erklärt hätte. Heute spricht man das einfach nicht mehr immer so aus.
Der Text ist so voll von humanistischer Menschlichkeit, so voller Offenheit und Liebe, die wir Menschen im Moment alle mal mehr gebrauchen könnten, dass er einen guten und angemessenen Platz finden sollte in einem gerade spontan ausgedachten Kanon an Standardwerken, die man Sinn-entnehmend gelesen haben muss, bevor man Politiker werden darf… ach, ich steigere mich rein.
Wie würde es sein, sich wiederzusehen, während unsere Länder auf unterschiedlichen Seiten stehen? Unsere letzte Begegnung ist neun Jahre her, dazwischen eine Pandemie, ein Kriegsbeginn und mehr als zwei Meter, die ihre Söhne, alle zusammen, in dieser Zeit gewachsen sind.
Vanessa:
Und doch ist es, als wären wir uns vergangene Woche zuletzt begegnet, meine russische Freundin und ich. Nahtlos knüpften wir an das Leben des anderen an, als wir uns am Wochenende in den Niederlanden trafen, nahmen die Gespräche aus 2017 auf, dem Jahr, in dem wir uns zuletzt gegenüberstanden.
Ungeachtet der Umstände
Kommen wir zu den KI-Rants. Natürlich.
In einer kleinen zwischenzeitlichen Unterhaltung auf Mastodon lernte ich, dass es in meiner Bubble Menschen gibt, die keine vollkommen nichts-ahnenden Gelegenheits-Anwender-Bubbles um sich haben. Menschen also – und das ist absolut ohne jede Wertung gesagt – die ein bisschen davon ausgehen können, dass Menschen sich allgemein für Technologien und ihren Einfluss auf die Gesellschaft interessieren und man sich mit ihnen darüber unterhalten kann.
Meine Erfahrung sagt mir das exakte Gegenteil und ich kenne vermutlich zu über 90% mehr Menschen, die noch nie darüber nachgedacht haben, dass das Internet viel Strom braucht und nicht alle diese gratis Dienste umsonst sind, als welche, die solche Gedanken haben oder sogar in ihr Verhalten einbeziehen.
Begonnen hatte die Unterhaltung, als ich einen Artikel von spektrum.de teilte, in dem es darum ging, dass die gängigen LLMs Frauen ein niedrigeres Gehalt vorschlagen als Männern, wenn frau vor einer Gehaltsverhandlung Orientierung sucht. Mich überraschte das absolut nicht – sog. KI repliziert nun einmal gängige Benachteiligungen – aber ich fand es schön, jetzt eine Studie dazu in Griffweite zu haben:
Moderne Sprachmodelle empfehlen Frauen vor Gehaltsverhandlungen systematisch niedrigere Gehälter als Männern – selbst wenn alle anderen Faktoren identisch sind. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) in einer aktuellen Studie.
spektrum.de:
Sprachmodelle empfehlen Frauen geringeres Gehalt
So circa seit ich online bis – auch das seit dem letzten Jahrhundert – ist auch Gerrit van Aaken online. Jemand, der einen sehr ähnlichen Lebensweg wie ich genommen hat, seit wir beide ziemlich parallel unsere erste spitze Klammer im HTML-Code wieder geschlossen haben.
Gerrit macht sich Gedanken über KI-Nutzung und weil ich daran glaube, dass jede neue Formulierung auch dann noch einmal etwas bewirken kann, wenn inhaltlich schon alles gesagt wurde, empfehle ich seinen Artikel. Er blickt zwar hauptsächlich aus Sicht beim Coden auf LLMs, kommt aber zu drei allgemein passenden Grund-Thesen, die ich gerne teile:
Man könnte mich […] auf den ersten Blick durchaus als zufriedenen, moderaten KI-Anwender ansehen. Dennoch habe ich vor ein paar Wochen beschlossen, meine LLM-Nutzung auf ein Minimum zurückzufahren. Warum eigentlich?
Gerrit van Aaken:
Ich versuche es mit einem Trikolon, das hat schon bei den Alten Griechen gut funktioniert:
/ Es ist zu schnell
/ Es macht dumm und abhängig
/ Es ist ineffizient und unelegant
Und weil es in den obigen Zeilen vielleicht nicht deutlich genug formuliert wird: LLMs sind eine mega-ineffiziente, klimazerstörende und turbokapitalistische Technik, die skrupellosen Milliardären hilft, weite Teile der normalen Bevölkerung in die Abhängkeit zu treiben. Und sie merken es aktuell noch nicht mal.
Mein Credo im Leben ist es, falls möglich, immer auf der guten Seite zu sein. In diesem Falle halte ich das für machbar.
Was ich Gretchen über LLM-Coding erzählen würde
Ich könnte es kaum schöner zusammenfassen – auch wenn dieser Satz natürlich eine red flag galore für eine Confirmation Bias ist. Dummerweise fand ich noch keine pro-KI-Artikel, die nicht mindestens zu Teilen auf dem Nachplappern der gängigen Hersteller-Hypes beruhen* und wir alle sind doch mindestens einmal zu oft von aktuellen Tech-Giganten angelogen worden, um ihnen einfach so zu glauben, oder?
By the way: Menschen mit profunder technischer Ahnung denken inzwischen laut darüber nach, ob man die riesigen Rechenzentren, die aktuell ohne Rücksicht aus dem Boden gestampft werden, wirklich für unsere Frage nötig sind, was man aus den Resten im Kühlschrank kochen kann – oder ob sie nicht doch vielmehr Teil einer riesigen Überwachungs-Maschinerie sind.
Für die, die jetzt denken, sie hätten ja nichts zu verbergen, habe ich zwei sehr unterschiedliche Impulse: Möchtest Du wirklich mehr für Deinen Urlaub zahlen als Deine Schwester im anderen Stadtteil für exakt den gleichen? Bist Du sicher, dass Du auch vor dem dummen, leicht aggressiven Nachbarn mit dem Du seit zwei Jahren über seine laute Musik streitest und der sich begeistert von einer deutschen Version von ICE rekrutieren lässt, nichts zu verbergen hast?
*) Und dann viele, die versuchen, für sich Mittelwege und einen Umgang zu finden, ist klar.
Ironischerweise habe ich gerade noch vorletzte Nacht um halb zwei kurz Claude angeworfen und mir etwas Code schreiben lassen. Ich besitze jetzt eine WordPress-Erweiterung, die zusammen mit Listen gängiger KI-IP-Adressen KI-Bots andere Inhalte hier im Blog anzeigen könnte, als Ihnen und ich hatte natürlich sehr viel Spaß, KI für die Möglichkeit einzusetzen, sich selbst zu betrügen. Dummerweise ist so etwas – neben einem zu großen Fehleranfälligkeit für echten Einsatz über eine Spielerei hinaus – ein auch in anderen Szenariern nicht ungefährliches Tool und ich überlege unter anderem deswegen noch sehr. Aber die Idee, LLMs nur noch wissenschaftliche Arbeit etwa über die nicht-Flachheit der Erde oder den wahren Kern der AFuckD zu präsentiern, hat etwas. Quasi Flood the zone* mal anders, flood the zone with wisdom sozusagen.
Aber ist es moralisch vertretbar, sich in seinen Methoden auf Niveau der anderen herab zu lassen? Es ist kompliziert.
Ein mir neuer, aber sowohl von Wort als auch Bedeutung her sofort einsichtiger Begriff ist „Phantombesitz“: Etwas, was sich anfühlt, als hätte man Anrecht darauf, es zu besitzen oder es zu kontrollieren, nur weil es halt immer so war und weil niemand es je hinterfragt hat.
Findet man sich mit einem eher konservativen Menschen in einer komischen Diskussion wieder und der argumentiert irgendwie gefühlt durchgängig mit paraphrasierten Varianten von „weil es so ist“, mit „weil es nunmal schon immer so war“ oder auch „musst Du denn immer alles in Frage stellen/kaputt machen“ (oder natürlich mit Gott), dann besteht dringender Phantombesitz-Verdacht.
Wichtig, auch abseits eines woken Weltbildes wird das Thema, wenn wir unseren Blick nach rechtsaußen erweitern, wo der Phantombesitz nicht mit leeren Worten verteidigt, sondern mit dem – auch gewalttätigen – Ausschluss „der anderen“:
Der Kern des neuen Faschismus ist ein entfesselter Besitzanspruch, dessen Verteidigung über Leichen geht.
Interview mit Eva von Redecker:
Je stärker materielle Sicherheit schwindet, desto mehr klammern sich Menschen an das, worüber sie scheinbar noch verfügen und herrschen können. Wer gehört dazu? Wer verändert das Stadtbild?
Zerstörerische Phantomschmerzen
Großer Zufall: Kaum gelernt, fand ich mich gestern Abend plötzlich mit sehr geliebten und herzensguten Menschen in einem Gespräch darüber, dass der Handel in ihrer Heimatstadt die Obdachlosen nicht so gerne vor ihren Läden sah und die Stadt den obdachlosen Menschen so einen schönen Platz etwas außerhalb zugewiesen hatte, den die aber irgendwie gar nicht wollten. Und das jetzt schon ein Problem ist.
Als ich anmerkte, dass sowohl die freie Wahl des Aufenthaltsortes als auch dieses Dings mit der Würde im Grundgesetz stehen und dass das Vorhandensein von Obdachlosigkeit spätestens nach den Beispielen durch Musterprojekte Finnland ein individualisiertes gesellschaftliches Problem und damit eine politische Entscheidung ist, erntete ich leere Blicke.
Zum Abschluss noch etwas von den Dingen, für die wir das Internet so lieben: Ein gutes gemachtes Dings mit hohem Spiel- und ebenso hohem Lern-Faktor aka „ach, wie interessant“. (Man muss nur kurz die eigene Scham, dass der Titel des Projekts einfach zu 100% stimmt überwinden:
You don‘t know Africa
Schön, dass Sie hier sind.
Sie möchten meine kuratierten und kommentierten Linksammlungen unterstützen? Hier finden Sie die virtuelle Kaffeekasse und hier eine Wishlist für die, denen Mammon zu schnöde ist.

Wow, ich bin schwer beeindruckt und muss jetzt wohl noch ein Weilchen nachdenken…
Danke Dir!!
Ich freu mich natürlich und danke sehr, aber kannst Du konkretisieren, wovon? Das war ja durchaus vielfältig, was sich da so angesammelt hatte …?