14.2.2019 – die Kritik zur Sendung zur Show zur Frau

(irgendwas mit gut geschlafen)

Bei all dem Gejammer der letzten Tage und dem Seelenmassage-Content bleibt frohes zu vermelden: Die Dinge, die ich dort lerne bringen mir auch etwas – in diesem Fall sogar nach langen Scheißtagen die Fähigkeit in der ersten Nacht danach gut zu schlafen und froh und mit ziemlich freiem Kopf auzuwachen. Das ist eh etwas, über das ich viel zu selten höre: Klar, zur Seelenmassage zu gehen, wenn es einem nicht gut geht, das ist nicht mehr so tabu wie früher.
Aber ganz konkret zu sagen: Ich lerne da das und das und das macht, dass ich einen normalen Alltag habe – das hört man doch eher selten. Dabei würde das vermutlich die Hemmschwelle senken und dieses Mysterium, was da in einer Stunde hinter verschlossenen Türen geschieht entzaubern.
Bei anderen Ärzten weiß man das doch auch?

Gestern Abend schaute ich noch die neue Show von Frau Bauerfeind. Ältere Internetpeople erinnern sich, die hat mal Ehrensenf moderiert und weil das die erste große Web-TV-Show war, war sie irgendwie eine von uns und ich mag ihr auch gern zuschauen. Die neue Show „Bauerfeind – die Show zur Frau“ läuft, wenn ich das richtig verstanden habe nach folgendem Prinzip ab: Frau B lädt sich jeweils zwei Gäste ein und spricht über ein Aufregerthema.
Spoiler nach zwei Sendungen: Am Schluss ist man sich einig, dass alles schon irgendwie wichtig aber auch alles nicht so wild ist. Man hat ein bisschen gelästert und ein bisschen betroffen geschaut und wichtig ist: Man muss ja auch Maß halten. Alle haben ihre Witze gemacht und auf ihre neue ShowBuchDings hingewiesen. Mehr schafft man ja auch in 30 Minuten nicht.

In der ersten Show ging es um „gefühlte Wahrheit“, in der gestern um „besseres Essen“. In der ersten waren Micky Beisenherz und Oliver Pocher als Fachleute eingeladen, in der zweiten Ruth Moschner und Annette Frier.

Gestern waren sich also alle schnell einig: Ja, man sollte sich schon bemühen, besser zu essen, aber Herrgott, man kann ja auch nicht auf alles achten. Ein paar Veganerwitze hier, ein paar Gluten- und Laktosepups-Sprüche da, überraschend lauter Gegenwind in den ersten paar Minuten für Frau Moschner, die versuchte sich dem Thema ernsthafter zu nähern (als ausgebildete Ernährungsberaterin sicher ein guter Ansatz) und die Sendung war schnell um. War launig gewesen, wir haben alle gelacht und am Ende eben: Ja, ein bisschen gesunder Menschenverstand wäre gut.

Und gestern Abend machte es mich sauer. Ich fragte mich: Ja und was ist, wenn der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht? Was ist, wenn wir in unserem wohlig eingerichteten Leben seit Jahrzehnten den Planeten vor die Wand fahren lassen, weil „man sich ja auch nicht um alles kümmern kann“?
Spoiler: Isso.
Der Gedanke ist nicht schön, aber es geht eben nicht, gleichzeitig jetzt mal echt die Welt retten zu wollen und dann auf dem Rückweg von der Fernsehaufzeichnung mit dem SUV noch fix das Sonderangebot Hack für 0,99€ mitzunehmen.
Aber eben auch: Nein, auch nicht das für 2,99 €.

Nein, ich weiß, Menschen ändern sich nicht wegen Bedrohungsszenarien; vor allem wenn die einfach zu groß sind, sie sich vorzustellen. Aber eine Sendung, die als Ergebnis hat: Ja, das wird ja heute auch alles übertrieben, wir müssen nur zu unserem Gefühl zurück, dann ist alles wieder gut – die hilft auch nicht. Die lullt uns ein, die verdrängt wahrhaft wichtiges wieder nach 23:35 Uhr.

Von den Bedrohungsszenarien weg und Beispiele zeigen, wie man Lust- und genussvoll essen kann, ohne dabei die Welt zu zerlegen – das wäre schick. Und eben nicht um 23:45.
Also nicht: Mit dem Zeigefinger drohen und Hack verbieten, aber eben auch nicht Kochen mit Hack und dabei erzählen, man solle schon das für 2,99€ nehmen. Sondern kochen ohne Hack aber super lecker.

Was ich aber am meisten stört: Dieses Grundbedürfnis, das alles eigentlich so bleiben soll, wie es wahr – also natürlich muss sich was ändern, aber mit Maß! – das kenn ich doch von irgendwo? Wo war das nur, wo war das nur?
Spaß beiseite und: Nein, ich möchte nicht Frau Bauerfeind und ihre Gäste mit der AFD vergleichen. Was ich hingegen möchte ist: Darüber nachdenken, ob dieser ganze Backslash als gesellschaftliches Phänomen etwas besser zu verstehen ist, wenn man mal schaut, wo denn noch alles ganz subtil eine „soll bitte alles wieder schön sein“-Message verteilt wird.
Diese ganzen Veränderungen die sind nämlich einfach verdammt anstrengend. Ich denke, dass viel erreicht wäre, wenn man das mal anerkennen würde.
Mit Anerkennung sagt man übrigens nicht, dass sie nicht trotzdem nötig sind.

Ach ja: Der Himmel war heute morgen auch wieder ganz hübsch.

Gerade läuft übrigens die 1500ste Folge Shopping Queen und ich habe gefühlt mehr als 80% davon gesehen. Aber diesem Fühlen habe ich ja gerade abgeschworen. Ich werde das für Euch also nachrechnen.

Kommen wir zu den Leseempfehlungen.

Erinnert Ihr Euch an „Neues aus der Zukunft“? Das war ein Newsletter von Carlo Zottmann, der regelmäßig über tolle Erfindungen und Entwicklungen berichtete, die unser Leben verändern konnten. Den gibts schon länger nicht mehr, diesen Newsletter; aber Carlo möchte gerne wieder tolles teilen. Er tut das ab jetzt hier: 5feineverweise.substack.com

Passt eigentlich sehr gut zu dem, was ich oben so sagte, fällt mir gerade auf.

Genau wie dieses etwas ältere Stück von Theresa Bäuerlein, das mir zufällig wieder über den Weg lief: „Veganismus hat ein ähnliches Imageproblem wie Feminismus – darin stecken viele wichtige Ideen, aber es gibt auch viele anstrengende Vertreter, die sie verkünden […] so reden oder denken natürlich längst nicht alle Veganer. Aber die lautesten. Und so bekommt eine ganze Bewegung ein pubertäres Image.“ – Warum Veganer schlauer sind, als ihnen vielleicht klar ist.

In den nächsten drei Tagen werde ich vermutlich nicht zuverlässig hier meinen täglichen Rapport hinterlassen können – aber ich fasse das dann für Euch zusammen.

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1 Kommentar

  1. Das sind die Gründe, warum ich glaube, dass es dafür konsequentes, staatliches Handeln braucht. Der Einzelne kriegt das nicht hin, die Gruppe auch nicht – da gibt’s zu viel Bequemlichkeit, zu viele Verlockungen, aber auch zu wenig Transparenz. Auch Bio ist ja nicht gleich gut; wenn man sich anschaut, was die Bio-Richtlinien zu Bio macht, ist das nicht immer das Tierwohl. Und auch die Tiere, die niemand isst, die Insekten, brauchen eine andere Landwirtschaft.

    Nur noch nachhaltige Landwirtschaft, nur noch tierfreundliche Haltung, Innenstadtmaut, Straßen enger machen, dafür Fahrradwege und kostenloser Nahverkehr, Flüge exorbitant verteuern, bedingungsloses Grundeinkommen, und ich bin sicher: Nach einer Phase des Schocks wird Energie frei, und es werden erstaunlich gute Dinge passieren.

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