12.9.2025 – Krückstockgefuchtel (Teil 1)

Seit ein paar Tagen bekomme ich morgens von Thomas Gigold jeden Morgen einen Newsletter, den ich sehr empfehle (unbeauftragter Werbeblock Ende) und den ich als Einstieg brauche, denn heute Morgen las ich dort von einem Flashmob, den Sie schon gesehen haben müssten, so viral, wie er offensichtlich geht: Den zum 50. Geburtstag von Bohemian Rhapsody.
Mich machte das Video sehr nachdenklich, denn ich fand das alles ganz, ganz furchtbar. Aber zwischen sieben Uhr fünfundzwanzig und halb zehn abends ist ja eine Menge Zeit und in der habe ich versucht heraus zu finden, was mich so stört und ob die Störungen in die Kategorie „Alter weißer Mann, der früher mal genügend lange Haare hatte um credibel headbangen zu können, nöckert rum“ gehört – oder ob ich ernsthaft was dazu sagen möchte.

Die Antwort lautet immerhin „beides“.

Ich möchte kurz einschieben, dass ich weder jemals großer Fan von Queen noch von diesem Lied war. Ich mag beide schon, schätze aber deutlich mehr beide in ihrem Einfluss auf Zeit, Genres und Kultur, und auch jeder republica-Abschluss rührt mich zu Tränen, aber ich schreibe gerade nicht, weil man (m)einen Gral ankratzt.

Dass Musikerinnen heute nicht mehr so aussehen wie in der guten alten Zeit, wo eng geschnürte Lederhosen und lange Haare Pflicht waren – geschenkt; dass der Knabe, der das Gitarren-Solo spielen darf, so aussieht – geliebt. Alter weißer Mann, ich sags ja.
Dass ich das Gefühl habe, dass ich jede Bewegung der Sängerinnen schon mal gesehen habe, weil sie aus dem Grundkurs „Emotionen beim Singen visualisieren“ der „Detlef D Soost-Franchise-Tanzschule Wanne-Eikel“ stammen – berührt schon ein ernsthafteres Thema – nämlich mein Problem damit, dass jede Form von „Kunst“ heute so furchtbar glatt gebügelt einheitlich sein muss. Wenn in einem Text das Wort „heart“ vorkommt, dann klopft man sich bitte dramatisch auf die linke Brust, egal, ob das Heart broken, cold, full of love, dead oder was auch immer ist. Aber alles Show.

Vollkommen zufällig aber extrem passend spülte mir die Vorschlagsliste bei YT heute dieses Video rein: Warum sehen alle plötzlich gleich aus? – Das Ende von individueller Schönheit

Und exakt dann fange ich an zu zweifeln: Bin ich ein alter Sack, weil ich das Gefühl habe, dass keine der Beitragenden – und jetzt meine ich besonders die Sängerinnen – sich auch nur zwei Minuten mit dem Stück auseinander gesetzt hat? Für mich fallen die alle in die Kategorie „Töne getroffen, Text gekonnt“ – aber Rockmusik war doch mal mehr? Sollte eine nicht wissen, was man da auf die Bühne bringt? Warum ausgerechnet der 50. Geburtstag dieses Songs ein Video wert ist, während „Fox on the Run“, „Griechischer Wein“ oder „SOS“ zwar bekannt und beliebt waren und sind, aber nicht ge-flashmob-t werden?

Gut, die Frauen sind alle so alt, dass Rockmusik in ihrer gesamten Lebensspanne als wichtiges Genre nicht mehr existiert hat – tun sie dann also genau das, was ich tat, als ich zu „Whole lotta love“ die Haare schüttelte? Oder habe ich imitiert und ihnen ist es halt egal? Ist etwas davon besser? Und was?

Ich weiß es alles nicht.

Was mich wirklich – ohne Zweifel – so richtig aufregt ist aber, dass ich das Video gucke und gesagt bekomme, wann ich überrascht sein muss, wann was tolles passiert, wann ich gerührt sein soll, wann ich „WTF?“ oder „wow“ denken soll. Wie praktisch, es wir alles immer einen Moment vorher eingeblendet, super, ich muss gar nicht mehr selber denken oder fühle, voll super. So bequem.
Und das hat nix mit dem Alter zu tun, das finde ich ganz, ganz traurig.

Nun. Darüber habe ich heute jedenfalls viel nachgedacht. Und dann waren wir abends im Kino und haben das Kanu des Manitu gesehen und darüber krückstockfuchtele ich dann morgen.

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13 Kommentare

  1. Das der Pianist zig solcher Videos auf seinem Kanal veröffentlicht: Geschenkt. Das die ganze Crew offenbar aus irgendeiner Pariser Vor Ort Musicalschool kommt: Kann ich mit leben. Aber der Sänger auf der Kutsche: der fühlt den Freddy wirklich und er klingt auch wirklich sehr nach Freddy. Das muss man schon sagen.

  2. Ich war emotional schon raus als mir nach den ersten Szenen klar war, dass ist kein ‚Flashmob‘ wie ich das Konzept ursprünglich mal verstanden hatte, sondern eine instagramable Performance, die nach Flashmob aussehen sollte.

  3. Erstmal: Danke :)

    Zum Video: Es folgt halt sehr dem „Flashmob“-Rezept – jeder weiß, es ist inszeniert (allein, dass der Sänger auf einer Kutsche steht, die ein Mensch zieht), jede Emotion vom Publikum muss überdramatisch eingefangen sein, … 

    Ich fand es faszinierend, dass man das Konzept Flashmob aber 2025 nochmal für sowas wählt. Und: Der Sänger ballert mich komplett aus den Schuhen; seine Version ist für mich tatsächlich die beste Interpretation des Songs, die ich je gehört habe. Sein neuer Song klingt 1:1 wie Freddie.

    Das war dann mit der Gemengelage Ende dieser Woche einfach mal was Schönes, wenn auch – und da gebe ich dir Recht – überinszeniert; das ist aber leider heute ja leider Standard; man verlangt vom Zuschauer nicht mehr, selbst zu entscheiden. Fällt ja auch in Serien und Filmen auf, dass das alles komplett überinszeniert und dann auch nochmal sprachlich exponiert wird: „Jetzt bin ich aber überrascht!“ *schaut dumm in die Kamera* ;-)

    1. Da greift dann vielleicht der Unterschied im Blickwinkel zwischen Social Media-Mensch und Musiker. Hätte ich nicht in den vergangenen jahren wieder begonnen, Musik zu machen und zu veröffentlichen und hätte ich nicht so viel Einblick in all die Abgründe die sich da aufgetan haben, dann hätte ich ja vermutlich auch eher den Blick des Webworkers gehabt.
      Und es ist ja auch spannend und wichtig, beide Sichtweisen zu kenne.

  4. Schön, dass du das schreibst, denn es deckt sich mit meinem Erleben, das dennoch ein wenig anders war als bei dir: Auch ich wurde morgens über diverse Timelines auf dieses Video aufmerksam. Allerdings habe ich alle meine Geräte stumm geschaltet, ich hasse plötzliche Lautstärke durch Autoplay-Videos und anderen Soundteppich. Also lief dieses Video vor meinen Augen stumm an, ich wusste nicht, worum es geht … aber die ersten Sekunden haben jedes Mal dafür gesorgt, dass ich sofort weitergescrollt habe. Ich hatte eine instinktive Abneigung, hab es kein einziges Mal angeklickt oder laut gemacht, bin nicht verharrt, sondern geflohen. Die Gründe dafür habe ich jetzt verstanden, du hast sie aufgeschrieben, und offenbar strahlt das Video schon in den ersten drei Sekunden so viel überinszenierte Pseudo-Spontaneität aus, dass ich es nicht ertragen konnte ..

    1. Witzigerweise: Als ich das Video dann nach Thomas’ Tipp aufrief, merkte ich, dass ich auch schon ein paar mal die ersten Sekunden gesehen und offensichtlich mindestens „nicht interessant genug“ gefunden hatte :)

  5. Ohne Beurteilung des Videos frage ich mich ja: Ist „Lederhoden“ absichtlich oder versehentlich so geschrieben? :-)

  6. Was ich vorgestern drüben auf Mastodon schrieb, dazu steh ich weiterhin: Ich mag Coverversionen – bis auf wenige Ausnahmen – nicht. Allerdings möchte ich nach etwas Nachdenken (und einem permanenten Ohrwurm, der mit „Any way the wind blows“ anfängt *ggg*) noch ein paar Dinge dazu sagen.
    Ich mag i.d.R. keine Coverversionen von Songs, die in ihrer Entstehungszeit großartig, wichtig, revolutionär, weltbewegend etc. und mit der Geschichte der Künstler:innen verbunden waren und es immer noch sind. Damit zusammenhängend mag ich es nicht, wenn jemand versucht zu klingen wie das Original. Niemand klingt – um bei dem Ohrwurm zu bleiben – wie Freddie Mercury. Oder wie Adele oder Whitney, Mariah und Christina und auch nicht wie David Gilmor, Ozzy, Gary Brooker usw., – du weißt, was ich meine. Und ich bin einfach zu alt, um mir solche Versuche anzuhören – ich bin mit den Originalen groß geworden, ich kann sie heute noch auf Platte/ CD/ Streamingdienst hören, ich brauche keine Kopie.
    Aber es gibt ein großes Aber, das, was ich schon drüben schrieb: ich bin begeistert, dass die Jungen unsere Musik immer wieder finden, hören, lieben und weiter geben. Nahezu jede neue Schüler:innenband fängt an, indem sie erstmal die Musik, die sie mögen, nachspielen. Wie und von wem könnte man auch sonst lernen, wie das geht? Und natürlich spielen sie in den Schulen und auf Stadtteilfesten – dass ich dann oft meine Fenster zu mache, weil es furchtbar klingt, müssen sie ja nicht wissen. Ich gönne ihnen den Beifall, die Anerkennung von Herzen.
    Jetzt das zweite Aber: ich mag nicht, wenn mit diesen neuzeitlichen, hübschen, soften, viel zu glatten instamäßig aufgepeppten Versionen Kohle gemacht wird und neue Trends gesetzt werden. Dann können sie auch gleich die KI benutzen und die Figuren machen nur noch den Mund auf und zu – die Emotionen, die wir haben sollen, werden ja, wie du schreibst, passenderweise eingeblendet. Nee, danke, bleib mir weg mit dem Mist.
    Aber zum Glück kann ich das ja selbst entscheiden ;-)

    *Rant Ende, für diesmal.

  7. Hmm, wahrscheinlich bin ich schon zu alt mit meinen 67 Jahren und ganz sicher verstehe ich wirklich gar nichts von Musik. Ich mochte es einfach und war ganz vergnügt dabei. Warum weiß ich nicht, bin dabei wirklich einfach gestrickt.

    1. und da spricht doch auch überhaupt nichts und niemand gegen, oder?
      Was ich nicht mag ist, wenn Menschen, die kein Vorwissen mitbringen etwas vorgegaukelt wird, was es nicht ist. Wobei die Grenze in der Untahaltungs-Industrie natürlich auch eine schwer zu definierende ist.

  8. Danke übrigens auch für den anderen Video-Link zum Thema Instagram-Einheitsgesichter!
    Unfassbar, wie sich wunderschöne Frauen bis zur Unkenntlichkeit zu Klischee-Karikaturen verunstalten (lassen) – mir sind so welche auch schon begegnet.

Kommentare sind geschlossen.

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