12.8.2020 – last sunrise

Als Kind hatte ich ein Buch mit „den besten Science Fiction Geschichten“. Das war eine Sammlung mit Kurzgeschichten und herausgerissenen Kapiteln aus anderen Büchern und eine Geschichte ging so: Forschungs-Satelliten hatten entdeckt, dass es in der Tiefe des Alls noch eine Sonne gab, die wir bis jetzt nicht hatten sehen können, weil ihr Licht einfach noch nicht bei uns war. Erst waren alle noch aufgeregt aber dann bemerkte man, dass diese Sonne um ein zig- zig-faches größer war als alles was man bis dahin kannte und dass ihre Strahlen einfach alles verbrannten.

Die Geschichte beschreibt also die letzten zwei, drei Tage der Menschheit. Sie begleitet ein paar Menschen und endet bei einem Pärchen, die sich auf der schon fast verbrannten Erde eine Nacht lang irgendwo versteckt hatten und jetzt am Horizont ein leichtes rotes Glühen bemerken. Der letzte Satz lautet: „Sie setzten sich zusammen und beobachteten den letzten Sonnenaufgang der Menschheit.

Üüüüüberhaupt keine Ahnung, warum ich ausgerechnet in diesen Tagen dauernd daran denken muss.
Die Nacht war übrigens zu heiß, aber dafür hatte das Städtchen den Sonnenaufgang mal wieder sehr hübsch.

Ich begann den Tag bei Frau Doktor, die mir meine wöchentliche Ladung Vitamin-Cocktail verabreichte und die ich bei der Gelegenheit fragte, ob die Liebste wohl demnächst mal kommen könne. Deren Ärztin testet nämlich nicht. Und Lehrerinnen dürfensollenkönnenmüssen jetzt demnächst regelmäßig getestet werden.

Denn: Heute beginnt die Schule in NRW wieder und ich muss gestehen: Ich habe große Angst um die Liebste. Die Konzepte wirken nicht ausgereift und sicher für mich – denn ich weiß halt auch, wie die Wirklichkeiten hinter den schönen Worten aussehen. Dass man gerne mal Fenster in Schulen nicht öffnen kann. Und auch, wie Waschbecken ohne warmes Wasser irgendwo in der Klassenecke aussehen. Und was amchen wir eigentlich, wenn es mal kühler wird? Garantiert nicht dauerlüften, das gibt ja Durchzug (Verzeihung).
Dazu kommt: Menschen ohne den Hauch einer Ahnung, wie Schule heute ist, dürfen öffentlich erzählen, man brauche doch keine Masken. Und nicht zu vergessen der Effekt, den Gruppen auf einzelne haben: Wenn ein Kollegium das alles weniger ernst nimmt, dann ist es schwer, als einzige dagegen zu stehen.

Verzeihen Sie also den etwas monothematischen Beifang:

Im Techniktagebuch erzählt Alan Smithee*, der an einer Schule gearbeitet hat, die – als „EDV-Schule“ – schon seit Jahren viel digitaler arbeitet als die meisten anderen.

Haben sich andere Schulen dann eigentlich von euch beraten lassen? Weil das klingt ja so, als müsstet ihr ungefähr zehn Jahre Vorsprung haben.

Das stimmt, das sind auch mindestens zehn Jahre Vorsprung, aber die anderen Schulen, die machen das nicht. […] Und was an der EDV-Schule halt der große Vorteil ist: dass da ein hauptamtlicher Administrator da ist […] das hat der Landkreis damals beschlossen, als die Schule gegründet wurde, 1983.
[…] so ein Administrator ist nicht billig.
[… den] bräuchten eigentlich andere Schulen auch, aber da macht man’s halt einfach mit so Verfügungsstunden, und das wird nie was. Wenn das jemand nebenbei machen muss und kriegt nichts dafür außer mal zwei Stunden Ermäßigung oder vielleicht auch drei oder vier, ist ja wurscht. Das ist nie dasselbe, als wenn ein Hauptamtlicher da ist, der sonst nichts macht.

Techniktagebuch: Bei uns war das schon immer so

Eine andere Sache, die mir irgendwann aufging: Bei allen Diskussionen, wie Schule denn jetzt weiter gehen soll, haben meist alle über Schule, über Lehrende und erst Recht über Schüler:innen gesprochen. Letztere stellen ja nun logischerweise die größte Masse der betroffenen – aber während die Lehrenden immerhin noch Gewerkschaften haben, werden die Schüler:innen gar nicht gefragt, wie sie sich jetzt fühlen.
Dabei ist das – ok, die Überleitung wirkt vielleicht ein wenig mutig – gar nicht dumm mal zu fragen, wie sich Schüler:innen Schule vorstellen.
Das Klischee, dass „die ja eh nichts lernen wollen“ ist erstens eh ein erschreckendes mit viel Aussage über das System an sich und zweitens gar nicht wahr.
Bent Freiwald hat eine eigene kleine Umfrage darüber gemacht, was sich Schüler:innen – abseits von Corona – von der Schule wünschen und natürlich auch abseits seiner Umfrage recherchiert.

Dabei würden sie gern bei ganz anderen Themen mitreden, sie dürfen es nur nicht. Ein Beispiel: 62 Teilnehmer:innen würden gerne bei der Auswahl der Themen im Unterricht mitentscheiden. Und zwar nicht nur, womit sie sich beschäftigen, sondern auch wann.

Aber sie dürfen nicht. Warum nicht?

die Schüler:innen stellen Abläufe infrage, die sich seit Jahrzehnten in den Schulen festgesetzt haben und sich seitdem kaum verändern.
[…]
Bennet (9) fragt zum Beispiel: „Warum soll ich nach der Schule zuhause weiter Aufgaben lösen, die ich bereits in der Schule verstanden habe?“ Und Adrian (10) möchte Hausaufgaben ganz abschaffen: „Keine Hausaufgaben! Stattdessen täglich lieber eine Schulstunde mehr.“
[…]
Tabea (14) fragt: „Warum werden wir so selten gefragt, welche Note wir uns selbst geben würden? Warum gibt es Noten überhaupt noch?“ Anna (15) sagt: „Lehrer sollten uns Projekte oder andere Möglichkeiten geben, eine gute Note zu bekommen, statt Tests und Abfragen.“ Und Paul (12) fragt: „Warum kann ich nicht selbst entscheiden, wann ich bereit bin für eine Prüfung?“
[…]
Viele dieser Ideen sind nicht neu: Wer genau braucht diese Abschlussprüfungen?, habe ich im April gefragt. Das Magazin Quarks schreibt: Noten sind weder aussagekräftig noch objektiv. Und dem Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärt die Wissenschaftlerin Natalie Fischer, warum Schule auch ohne Hausaufgaben funktionieren kann.

Krautreporter: Wie Schule aussähe, wenn Schüler:innen entscheiden dürften

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