12.6.2026 – a day after

Nach der Erleichterung kommt ja die Erschöpfung; nicht, dass wir nicht erschöpft genug gewesen wären, aber ich für meinen Teil hab die Nacht hauptsächlich wach und weinend verbracht. Noch einmal an Details erinnern, die gütige Filter in einem Nebel hatten verschwinden lassen. Vorsichtige Idee, dass das ab sofort nicht mehr passiert. Noch vorsichtigere Ideen, wie es statt dessen ab nächste Woche sein könnte – alles scheint absurd.
Sehr spät – also: schon wieder früh – endlich eingeschlafen. Aufgewacht, an alle je gelernten klugen Dinge erinnert und meditiert, die wehen Knochen mobilisiert, gute Musik angemacht, sehr lecker gefrühstückt. Jedes Detail so nett wie möglich gestaltet.
Und: alles sehr bewusst gemacht. Lachen Sie nur über die Achtsamkeit, die Sie von Insta kennen (ich tu’s ja auch), aber das wirkliche Konzept ist super.

Emotional nicht die geringste Ahnung, wie so ein halbwegs unbelasteter Tag sich anfühlen kann. Zu tief steckt, dass jedes Telefonklingeln, jedes Pingen einer Mail eine schlechte Nachricht bedeuten kann, dass es schon eine schlechte Nachricht bedeuten wird. Aber das krieg ich mir auch wieder abgewöhnt.

Von einem Gnu ge-cam-bombt worden und sehr gelacht. Leider ein My zu spät gescreenshottet.

Drei angefangene Beiträge über Gil, #ibes, Misogynie, alte weiße Männer, junge Frauen, Insta-Hobby-Juristen, Boulevardjournalismus, die Dynamik von Empörungswellen und die Funktion einer funktionierenden Judikative im Entwurfsordner, alle drei inklusive heftigen Jammerns darüber, dass die Öffentlichkeit – also die von der ich rede – kaum noch unterscheiden kann (will?), dass man nicht automatisch gegen sie ist, nur weil man nicht 100% für sie ist. Und dass das nicht gut ist, weil es Menschen verstummen lässt. Aus diesem letztgenannten Grund alle für immer im Entwurfsordner gelassen. QED.
Es bleibt ein dumpfes Gefühl, dass sich in einer bestimmten online-Öffentlichkeit eine Parallelrealität aufbaut, die nicht rechts, aber ebenso demokratiegefährlich werden könnte. Wenn Rechtssprechung egal wird, weil sich jemand nur vor Gericht entschuldigt und nicht vor der Fernseh-Nation, dann mache ich mir Sorgen. Wenn eine differenzierte Unterhaltung darüber nicht möglich ist, weil jeder nicht 100% zustimmende Satz in Hass ertrinkt, macht mir das Angst.
Nun gut, dass das Social Web kaputt ist, weiß selbst ich schon lange Jahre, aber zu merken, wie die Mechanismen langsam in die Kohlenstoffwelt schwappen – das erfüllt mich mit Unbehagen.

Demokratie ist dafür gemacht, dass man sich an ihr reibt. Demokratie bröckelt aber in dem Moment, in dem man außerdemokratische Mittel verwendet, um sich zu reiben. Wie vom Geld über Religionen und dem Respekt vor dem Schuldirektor bis zur Wichtigkeit eines TrashTV-Formates ist auch sie ein Konstrukt, das nur funktioniert, wenn alle dran glauben. Wollen wir drin bleiben, müssen wir ihre Mittel nutzen. Die gibt es, die sind nur anstrengender als ein kurzer Empörungsausbruch bei Insta.

Deswegen war „when they go low, we go high“ so ein wichtiger Satz.
Denn sonst stehen sich am Ende nur noch Gruppen gegenüber, die alle fest davon überzeugt sind, dass sie noch lower gehen müssen, weil die anderen ja angefangen haben. Aber jetzt schreib ich ja schon wieder was, was mit man mit festen Willen so misszuverstehen könnte, als freute es mich, dass Gil #ibes gewonnen hat.

(Wenn Sie nicht wissen, wer Gil ist und warum ich über ihn schreibe (n muss), dann ist das exakt Teil meines Problems: Ich schreibe über Dinge, die in einer Öffentlichkeit Wellen schlagen und als gesellschaftsverändernd wichtig wahrgenommen werden und in einer anderen Öffentlichkeit exakt gar nicht existieren.)


Aus Gründen ein Firmenlaptop, das „Sie natürlich auch privat nutzen können“ in den Auslieferungszustand gebracht. Fazit: Tun Sie’s nicht. Nutzen Sie so ein Gerät einfach nicht privat. Der letzte Besitzer des Laptops war erstaunt*, an was ich alles dachte und an welchen Stellen so alles noch Dateien lagen. Und Mails und andere Nachrichten. Mail-Accounts, Bookmarks, Browser-History, ja, auch der andere Browser, gespeicherte LogIns, ein alter Dropbox-Account, gespeicherte WLANs, Liste zuletzt geöffneter Dateien, automatisch aus Komfort-Zwecken angelegte Favoriten in der Explorer-Seitenleiste – ohne eine einzige Datei zu öffnen, konnte ich mir aus solchen Meta-Daten schon einen ganz guten Überblick über sein Leben in den letzten zwei Jahren verschaffen.

*) Da es ein Windows-Gerät war und ich schon wirklich lange nur am Mac** arbeite, wäre ich vermutlich ebenso erstaunt, an was ich alles nicht gedacht habe, klar.
**) Mon dieu, ist Windows inzwischen die Bedienungs-Hölle.

Cover Malcolm F: Circles & Squares

Das neue Album CIRCLES & SQUARES.
Seit dem 26.1. auf diesen und allen anderen Streaming-Diensten.

4 Kommentare

  1. Ein sehr schönes Zitat von Michelle. Danke für die Erinnerung. Und auch die an die Skills. Sind oft schwer anzuwenden, wenn ich völlig drüber bin aber das Einzige, was dann greift. Wie mein Physio mal sagte: der Muskel weiß erst nach ca 6 Wochen, was Sie von ihm wollen. Mentales Muskeltraining, so schnell wieder verlernt, jedoch braucht’s keine 6 Wochen mehr, wenn’s mal saß.
    Alles Gute!

    *Ping

  2. Muss mal kurz sagen, dass ich deine Gedanken über Demokratie, Öffentlichkeit, alles rund um Online sein und und und und immer sehr gerne lese. Viel mit dem Kopf nicke. Nicht oft was kommentiere, weil ich von so vielem leider oft auch überfordert bin und mir die Worte fehlen. Wünsche dir das du nach all dem Unblogbaren Mist bald wieder Kraft hast wieder mehr schöne Sachen zu machen. Konzerte, Urlaub und so. Konzert-Urlaub :-).

    1. Danke.
      manchmal stimmt ja das timing zwischen einem blöden Moment offline und dem bestmöglichen Kommentar im Blog. Hier zum Beispiel :)

Kommentare sind geschlossen.

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