12.2.2021 – Haste mal Feuer?

So mit sechzehn war ich ja ein tapferer Metalhead. Über seltsame Logikumwege beschloss ich, dass Bryan Adams ja auch Gitarre spielte, dass ich ja Gitarrrenmusik gut fand und ich deswegen auch Bryan Adams gut fände – und bat einen damaligen Freund, mir eine Cassette aufzunehmen.

Wenn Sie alt genug sind, kennen Sie das vielleicht noch: Ans Ende einer Cassettenseite nahm man dann in leicht missionarischer Hybris immer noch ein Stück von jemand anderem auf, um den Empfänger der Cassette anzufixen – und so ertönte nach der rockigen Uptempo-Nummer „Ain’t gonna cry“ auf einmal ein ziemliches Synthesizergedudel.

Jo, das ist Corea. Sollteste kennen“, grinste mein Freund. Da wir einen unausgesprochenen Wettbewerb darüber hatten, wer die abgefahrenere Musik kannte und aushielt, fand ich echt arg wiggelige „Got a match?“ also natürlich sofort total geil.
Ganz eventuell musste ich mich heimlich erst mühsam reinhören, aber das sagte ich natürlich nicht.

Unser nächster Coup war es, dieses Stück im Musikunterricht vorzuschlagen, als die arme Lehrerin ihre gelangweilt pubertierende Zehn fragte, ob sie nicht vielleicht mal selbst Wünsche hätte. Ich erinnere mich an exakt zwei Dinge: Wie alle anderen – meist gerade im Modern Talking- und Bros-Fieber – uns dafür hassten und zum anderen wie sie selbst sich die Noten besorgt hatte und versuchte, das Ding am Schulflügel nachzuspielen. Und unfassbar famos scheiterte. „Der spielt ja gar nicht nach Fingersätzen, der hat das ja nur nach der Melodieführung komponiert“ Ach was.

Als ich dann die begonnene Kutte schnell wieder an den Nagel gehängt und wirklich für mich selbst Jazz entdeckt hatte, da war Chick Corea also eine der ersten Anlaufstellen für mich. Und ich hatte Glück:
Während der Studienfahrt in London hatten wir von unserer – ziemlich coolen – Lehrerin den Auftrag bekommen hatten, wir sollten in der Woche doch bitte selbstständig organisiert ein kulturelles Event mitnehmen; sie wolle uns da nichts vorschreiben, aber einen Abend nicht nur im Pub abzuhängen ginge doch bitte.
Geschätzt neunzig Prozent der anderen konnten sich darunter nichts anderes vorstellen, als sich wie alle London-Touristen die Mausefalle anzusehen, aber wir durchsuchten Plakate und Stadtmagazine und entdeckten: Chick Corea in der Royal Albert Hall. Falls Sie jetzt nicht so musikaffin sind, lassen Sie sich gesagt sein: Doppel-wow mit Sahnehäubchen. Royal Albert Hall! Mann oh Mann. Ich zitiere aus dem ersten Absatz der englichen Wikipedia: „One of the United Kingdom’s most treasured and distinctive buildings, it is held in trust for the nation

Die Mausefalle war übrigens relativ langweilig, für Sauerländer Zwölftklässler nahezu unverständlich und die Architekten des Theaters hatten nicht an die Kniefreiheits-Bedürfnisse achtzehnjähriger Bauern gedacht. Mein Gott, hatten die alle schlechte Laune, als wir uns nachher trafen. Mein Gott, haben wir – frisch ausgestattet mit Tickets für den Freitagabend – gelacht. Mein Gott, was hat das die Stimmung nicht verbessert.

Wir fünf hingegen hatten Plätze direkt hinter der Bühne (die Band entdeckte uns da und spielte schnell im Kreis) und hatten zwei Stunden lang eine Gruppe fantastischer Musiker auf dem Zenit ihrer Band-Geschichte erlebt.

Obwohl ich nie der Nummer-eins-Fan war, hab ich Chick Corea immer sehr gemocht. Die Liebste und ich haben ihn dann nochmal im Duett mit Bobby McFerrin erlebt – womit sich der Gute dann gleich ein zweites Mal in der Top Ten der besten Konzerte meines Lebens platzierte.

Letzten Dienstag ist er gestorben, ich habs gerade erfahren und als ich gerade Spain anmachte, da hatte ich ein paar Tränen in den Augen darüber, dass das nun nie wieder jemand so spielen wird.

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4 Kommentare

  1. Ja, sehr traurig. Aber deine Erinnerungen (danke für‘,s Teilen!) und die Musik, seine Musik werden bleiben. Das ist das Tröstliche. 🖤

    1. Oh, das sieht ja nach einer guten Beschäftigung für einen Samstagnachmittag aus 🙂
      Danke für den Tipp!

Kommentare sind geschlossen.

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