11.9.2026 – nine eleven?

Damals hörte ich im Radio, was im großen Büro immer irgendwo lief, als erstes den Satz, es sei ein Flugzeug in das WTC geflogen. Ich dachte an einen Sportflieger in einer Cesna und dachte „arme Sau“. Im Wortbeitrag nach den Nachrichten erfur ich mehr.
Damals rief ein Freund begeistert, nun könnten die Amis ja mal fühlen, wie das denn so ist, wenn man angegriffen wird. Dann hatte ich einen Freund weniger.
Damals sagte jemand in einer der wenigen besonnenen Minuten in den Wochen danach, dass dieser Tag die Welt Jahrzehnte länger ändern würde, als wir es jetzt dächten und ich vermochte nicht, diesen Satz mit Inhalt zu füllen. Heute kann ich es.

Wir haben vorgestern – ganz passend – die zweiteilige ZDF-Doku 9/11 Die Geiseln des Terrors geschaut und ich habe lange nachgedacht, ob mein ebenso unangenehmes wie deutliches Störgefühl, was ich in den Interview-Passagen hatte, nur daran lag, dass ich nach neunjähriger katholischer Privatschule auch Dekaden später einfach ein bisschen Jugendprotest-allergisch auf Berufs-Christen reagiere. Dann hörte ich gestern Abwend in einem vollkommen anderen Zusammenhang den Satz „Gerechtigkeit teilt, Liebe teilt zu“ und dann verstand ich es.
Das Störgefühl außerhalb der Interview-Pasagen kam daher, dass wir durch „nachgespielte“ und KI-generierte Passagen die ganze Zeit das Gefühl hatten, live in den afghanischen Häusern oder Steppen dabei zu sein.
Und irgendwo zwischen dem Wissen, dass Menschen echte Schüsse oft nicht erkennen, weil die im TV so viel lauter sind, echte Schläge weder bei anderen noch selbst ausgeteilte ernstnehmen, weil das „uumpf“ fehlt, dass Kinder nicht wissen und nicht akzeptieren, dass es keine Dinos mehr gibt, weil die in den Dokus immer so possierlich in die Kamera schnüffeln – irgendwo dazwischen überlege ich, wie gut es unserer einfach zu überlistenden Psyche tut, wenn wir uns a) keine eigenen Bilder mehr machen müssen, weil wir b) alles in dramatisch ausgeleuchteter KI-Szenerie vorgesetzt bekommen. Ob es das spezielle Jeep-Modell 2001 schon gab oder nicht, ist der KI nicht bekannt und dem glücklichen Prompter, der endlich das gewünscht dramatische Licht hat egal. Uns Zuschauerinnen nimmt es aber wieder ein scheinbar ach-so-unwichtiges Detail unseres Wissens und damit auch einen Millimeter festen Boden gemeinsamen Konsents auf dem wir uns bewegen und auf dem wir sicher sind.


Am Mittwoch traf ich den ältesten Freund, so wie wir das alle paar Wochen tun, weil es zu den guten Dingen gehört. Da ich aus Erfahrung inzwischen weiß, dass meine Geschichten über Schlaganfall und Tod, Hospiz und Pflegedienste aufs unangenehmste jede Unterhaltung für die nächsten Stunden bestimmen können, wenn man erst einmal einstiegt, bemühte ich mich, als erster „Und? Wie schaut’s aus?“ zu fragen. Ja, die letzten Wochen seien doch hart bestimmt gewesen von Krankenhaus und Sorge um ein Elternteil, und von der schweren Suche nach einem Pflegeplatz. Tadaaa.
Naja, ich konnte immerhin ebenso gut relaten wie anlegen. Und auch Herr Buddenbohm erzählte letztens, gekrönt von der Einsicht der umpflegten Person:

„Im Krankenhaus“, sagt meine Mutter, „ist die Würde des Menschen dann doch antastbar.“ Ich glaube aber, sie meint eher die nahezu unweigerlichen Entwürdigungen durch das Alter als die durch das Krankenhaus und das mir sehr freundlich vorkommende Personal. Mit einer heilen Krone kommt niemand durch die Jahrzehnte, man muss irgendwann Zacken lassen.

Auf diese Phase des Lebens hat einen auch niemand vorbereitet, möchte ich ergänzen. Also die, wo man plötzlich Verantwortung für ältere Menschen bekommt und von heute auf Morgen lernt, dass überraschenderweise auch dieses System längst versagt hat.


Und dann war da noch: Danke für eine Empfehlung!


Und zwei Lesetipps:

Und dieser Platz letztens nachts in Köln.

Vi ses!

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2 Kommentare

  1. Ja, wir sollten alle viel mehr darüber reden, was es mit uns macht, wenn sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern umkehrt und es auf einmal wir Kinder sind, die die Windeln anlegen und die vernünftigen Entscheidungen gegen Widerstände durchsetzen müssen.
    Ich hatte das Glück, mit meinem Vater viel über meine tollpatschigen Pflegeversuche lachen zu können. Aber das Schamgefühl auf beiden Seiten und der schwierige Umgang mit den emotionalen Grenzüberschreitungen lässt sich nicht weglachen.
    Wenn wir das offen aussprechen, sehen wir zumindest, dass wir damit nicht allein sind. Und das ist schon mal ein schönes Gefühl. Auch wenn es an den Verhältnissen nichts ändert.

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