11.12.2020 – schöne neue Welt

Bescheiden und dankbar wollte ich dieses Blog schreiben. Es gibt aber offensichtlich Zeiten, in denen das schwerer ist als sonst. Und auch wenn ich prinzipiell mit den Yogis mitgehe, dass man manches im Leben auch mal als Aufgabe nehmen kann, dann ist es vielleicht gerade nicht Aufgabe, dankbar zu sein.
Sondern vielleicht auch mal wütend. Zum Beispiel über unsere Landesfürsten. Überhaupt: „Landesfürsten“ – was für ein interessantes Wort.
Wäre ich ein Fürst, würde ich das Flehen unserer Kanzlerin sowie die Fakten vielleicht auch besser ignorieren können.
Was eine hübsche Vorstellung, so ein Fürstenleben – man reiche mir ein paar Weintrauben und den Narren, mir langweilt! Man lasse ein paar Menschen sterben, mir ist so weihnachtlich im Gemüte!

Gestern Abend entwickelte sich in meinem Kopf die Phantasie, wie viel symbolische Kraft es wohl haben würde, wenn in jedem Bundesland eine Petition den Rücktritt der Ministerpräsidentinnen und Kultusministerinnen fordern würde.
Und heute nachmittag rief „mein“ Landesfürst, man müsse auf die Wissenschaft hören – stolz und mit geballter Faust, als sei er der erste und nicht abgesehen von ein paar Querdenken der letzte, der das findet. Und ich spüre eine so tiefe Verachtung, wie ich sie nie spüren wollte.

FunFact: Im letzten Satz stand erst „auf die Wirtschaft hören“ und das war ja mal ganz offensichtlich ein Freudscher Vertipper in Reinkultur.

Die Liebste hatte aus Gründen heute schon den letzten Schultag für dieses Jahr und ich gestehe, ich bin nicht unglücklich darüber.

Nachdem ja ein paar Mal Heizungsmenschen hier waren und an unterschiedlichen Stellen der Heizung herumgedoktort hatten, wurde es in meinem Büro unterm Dach nicht mehr richtig warm. Also nicht so richtig nicht warm, sondern nur so, dass es so haarscharf zu kalt war. Nicht genug zum Aufregen, aber nach einer Woche begriff ich endlich: trotzdem leicht anstrengend.
Was mich dazu führte – nach einer Woche, ich bin so kluk! – endlich mal zu fühlen, ob der Heizkörper überhaupt warm wurde oder ob ich vielleicht mal Luft ablassen sollte – und was soll ich sagen: Dankbar, weil warm.
Klappt ja doch.

Während ich am Schreibtisch ein Projekte beende, tauche ich endlich mal in eine Musikperiode ein, die seltsamerweise bisher an mir vorbei gegangen war.
Zwischendurch ein Anruf eines Kunden einer Agentur, der manchmal mit mir direkt spricht. Er will jetzt Heilkristalle anbieten, um den Übergang ins Zeitalter des Wassermann leichter zu machen und ich glaube, ich muss da mal ein ernsthaftes Gespräch führen.

Apropos Musik: Mittags klingelte ein Paketmännchen und brachte eine Hifi-Box ins Haus. Die steht da jetzt im Wohnzimmer und wartet auf ihre Zwillingsschwster, die morgen vom gleichen Männchen gebracht wird – schöne neue Shoppingwelt.
Sie sind Teil unserers Plans „Das Wohnzimmer soll schöner werden“, den wir uns für diesen Herbst und Winter vorgenommen haben. Es werden da noch ein nicht-schwedisches Sideboard und ein paar Quadratmeter Beton-Putz eine Rolle spielen.
Und ich bin sehr froh darob.

Und ja, auch dankbar. Aber ist diese Form der Dankbarkeit – also: Sich selbst das Leben mit seinen privilegierten Mitteln einfach hübscher zu machen, während draußen Welt und Gesellschaft brennen – nicht purer Eskapismus?

Zwischendurch immer wieder viel strecken, dehnen, drehen, bewegen, denn meinem Rücken gefällt nicht, dass ich wieder viel am Schreibtisch sitze und weniger um den See laufe.

Und gleich gibts homemade Burger und gutes altes Freitagabend-Fernsehprogramm.


Vom Anwalt ein Schreiben des Gerichts. Es sagt, dass jemand, den ich verklagt habe, jetzt vier Wochen Zeit hat zu reagieren. Ich bin definitiv eigentlich niemand, der andere verklagt und ich finde das auch immer noch ein seltsames Gefühl.
Aber ich denke es war richtig – und es wird eine ganz unterhaltsame Geschichte, wenn ich sie irgendwann erzählen kann. Sie ist etwas absurd und hat ein solides David-gegen-Goliath-Element. Passt also gut hierhin.


Derweil in einer anderen als meiner Realität:

  • Anfang Oktober: Ich bestelle mir eine ziemlich teure Maus, weil die für die Programme, mit denen ich arbeite, individuelle Tastenbelegungen anbietet. Vor allem im Photoshop mit dem zweiten Mausrad zu zoomen und mit den Daumentasten die Härte der Pinsel zu verstellen zu können, reizt mich.
    Die Maus kommt an und es ist super. Sehr, sehr super.
  • Mitte Oktober: Adobe teilt mir mit, dass es eine neue Photoshop-Version gibt. Ich mache ein Update.
  • Mitte Oktober: Nach dem Update sind die Mausfunktionen weg. Und alle anderen Belegungen für Excel, Pages usw auch.
  • Mitte Oktober: Ich schreibe eine Anfrage an den Support der Maus
  • Ende Oktober: Ich erinnere den Support an die Anfrage
  • Anfang November: Ich erinnere den Support
  • Mitte November: Ich mache ein neues Ticket auf und stelle die gleiche Frage stumpf nochmal
  • ein Tag später: Der Support antwortet leicht patzig, das sei ja wohl ein Problem von Photoshop und für fremde Software könnten sie keinen Support leisten.
    Ich zeige ihnen den Link unter dem sie selbst damit werben, dass die Maus eine Vorbelegung für Photoshop mitbringt.
    Sie zeigen mir etwas patziger den Link aus dem Kleingedruckten, in dem steht, dass die Maus eine Vorbelegung für Photoshop 20 mitbringt. Wenn ich unbedingt Photoshop 21 benutzen wolle, sei das mein Problem und sie könnten wirklich keinen Support für Adobe machen und das Ticket sei jetzt geschlossen.
  • ein Tag später: Es gibt ein Update für die Software, die mit der Maus kam. Ich öffne nach dem Update das Kontrollzentrum und sehe, dass die Tasten-Belegungs-Vorgaben wieder da sind. Und freue mich.
  • Anfang Dezember: Mail vom Maushersteller, denen offensichtlich aus einem Stapel Altpapier meine erste Supportanfrage entgegenfiel. Es tut ihnen furchtbar leid und sie schicken mit eine mehrseitige PDF-Anleitung mit, der ich entnehmen kann, wie ich unter Windows Probleme mit den Tastaturen des Herstellers lösen kann.
    (Meine Maus(!) trägt „für Mac“(!) im Namen – man hätte eventuell drauf kommen können). Nun denn. Ich ignoriere das.
  • Anfang Dezember: Ich öffne das erste mal seit längerem Photoshop und erhalte eine Warnung, dass der Treiber vom Maushersteller nicht signiert ist und deswegen deaktviert wird. Die Tastenbelegungen funktionieren logischerweise nicht.
  • Zwei Tage später kommt eine Mail vom Maushersteller, der fragt, ob sein Support super, sehr super oder galaktisch super war.
  • Gestern: Vom Support kommt eine entrüstete Mail, ich hätte ihnen immer noch nicht mitgeteilt, ob die erste Anfrage mit ihrem PDF jetzt gelöst wäre und wegen der langen Funkstille würden sie das Ticket jetzt schließen.
  • Heute kommt eine Mail vom Maushersteller, der fragt, ob sein Support super, sehr super oder galaktisch super war.

Wären diese Mäuse nicht in sonst allem das allerbeste wären, mit dem ich in den letzten 25 Jahren gearbeitet habe, würde mich das ja alles natürlich zum Nachdenken bringen – aber leider nein.

Und morgen erzähle ich Ihnen dann, wie ich meinen Handytarif kündigte.

Ich hab mal wieder Links für Sie:

Jens Scholz hat eine Reihe sehr nützlicher Tipps rund um Videostreams gesammelt:
Pandemiebedingt werden viele Veranstaltungen, Lesungen, Vorträge und Panels auf Streaming verlegt und so gibt es seit ein paar Monaten einen echten Boom auf Twitch, Facebook und Instagram live, Discord und vielen anderen Kanälen. Um da mal diplomatisch mit meinen Beobachtungen zu sein: Die Fallhöhe wird dabei enorm unterschätzt.

Warum fällt es uns so schwer, die Erfolge anderer Länder im Kampf gegen Corona anzuerkennen oder sogar von diesen Ländern zu lernen?
Tatsache ist, dass ostasiatische Gesellschaften weitgehend zur Normalität zurückgekehrt sind. Am 31. Oktober feierten in Taiwan 130 000 Menschen Asiens grösste LGBTQ-Parade Taiwan Pride. Insgesamt sind seit Beginn der Pandemie in Taiwan 7 Menschen an Covid-19 gestorben, seit über 200 Tagen gibt es keine Neuansteckungen.

Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern unterdrückt (via)
im Hitradio der Digitalisierungs-Debatte lief bis zum Beginn der Corona-Krise seit Jahrzehnten die sehr alte Platte vom Breitbandausbau rauf und runter. Aber allein die Tatsache, dass mehr Menschen das Wort als dessen konkretes Erleben kennen, beweist, dass hier viel mehr angekündigt als getan wurde. Um damit durchzukommen, wurde ein Instrument entwickelt, das man folgenlose Zustimmung nennen könnte. Denn selbstverständlich ist in Deutschland niemand offen gegen den digitalen Wandel. Es wird im Gegenteil viel genickt, wenn die Bedeutung der Digitalisierung beschworen wird. Aber genauso selbstverständlich geht man davon aus, dass die damit verbundenen Veränderungen vor allem die anderen betreffen.

Und ein Essay mit einem wilden Ritt von Trump über Fakenews und Narzismus zur Rolle der Wissenschaft und wie die versuchen muss, ihre Kommunikation neu zu erfinden:
Die Wissenschaftskommunikation muss schnell daraus lernen und ihre emotionalen, authentischen Narrative finden, ohne dabei überheblich zu wirken. Beständig, ruhig und empathisch sollten wir dem anderen begegnen. Mit ruhiger Stimme. Denn die arrogante Haltung verletzt schnell den Andersdenkenden. Auch der sich im Recht fühlt und um die Fakten weiß, muss um die Wirkung seiner Äußerungen im anderen fürchten.

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