10.8.2026 – Ein Monat

Ach guck, genau wirklich auf den Tag ein Monat.
Wissen Sie, wie man ein Blog weiterführt das den größtenteils auch eingelösten Anspruch hat, eigentlich täglich befüllt zu werden und was plötzlich so vom Leben überrollt wurde, dass hier eine vierwöchige Lücke entstand? Nein? Blöd, ich auch nicht.
Aber ich bring Sie einfach erstmal kurz auf den Stand:
Unsere Kernfamilie besteht aus der Liebsten und mir, dann gibt es eine Mutter (M), deren Schwester – aus unserem Blickwinkel auch Tante (T) genannt und einer (Super-)Nichte (SN) mit Mann und zwei Kindern. Weitere Personen sind zwar existent aber aus einem bunten Strauß an Gründen* nicht anwesend.

*) Falls Sie je dachten, dass ich hier ja wirklich jeden, jeden, jeden Fitzel meines Privatlebens verblogge, kann ich nur mitleidig lächeln. Ich hätte noch Geschichten für drei weitere Blogs.

T. wohnte seit Januar im Hospiz, weil Krebs ein Arschloch ist und die Ärztin ihr damals noch vier bis acht Wochen gab*. Sie lebte da – medikamentös prima eingestellt – seitdem relativ wohl vor sich hin. Wir alle schätzten das Hospiz sehr, es ist eine Gnade, dass es – vermutlich viel zu wenige – solche Orte gibt. Friedvolle, fröhliche und gleichzeitig traurige, unfassbar würdevolle Orte, die vollkommen außerhalb unseres hektischen, durchoptimierten Lebsn drumherum existieren**.
Leider, leider aber in diesem Fall auch nur in Maßen, denn man hatte uns allen versäumt mitzuteilen, dass auch hier ein gewisser Fortschritt von denen, die das bezahlen, eingefordert wird; T. lieferte die notwendige Verschlechterung ihres Zustands nicht und bekam Anfang Juli mitgeteilt, sie müsse wieder aussziehen. Es sei nicht eilig, bis Ende des Monats reiche vollkommen. Ja, so haben wir auch geguckt.
Wir wurden etwas hektisch, es musste sich doch um ein Missverständnis handeln und what the fuck tut man denn bitte jetzt?, wir führten ergebnislose Gespräche (kein Missverständnis), wir guckten uns Pflegeheime und Tageshospize an, telefonierten mit Krankenkassen, Pflegediensten, Palliativ-Pflegediensten, Pflegeheimen, dem betreuten Wohnen, in dem sie zuletzt gewohnt hatte und zwei Tage später hatte M. einen Schlaganfall. Jedenfalls diagnostizierten wir beide das weitere zwei Tage später, als wir die Geschichte erfuhren, so – denn warum sollten auch ausgerechnet Hausärzte hier im Dreckskaff eine positive Ausnahme bilden? Tun sie nicht und deswegen hatte ihrer sie wieder nach Hause geschickt; wenn ihr morgen und übermorgen auch noch so seltsam schwindelig sei, können sie ja die Tage noch mal wieder rein kommen. Das Krankenhaus in dem sie dann landete, gab unserer Amateur-Diagnose dann allerdings recht und was sind schon 48 Stunden bei einem Schlaganfall? Wie praktisch, dass wir schon so viele Telefonnummern gesammelt hatten und wir eh gerade mit den passenden Personen für eine zukünftige Versorgung im Gespräch waren …
Damit das für uns alle nicht so easy zu verpacken war, bekam SN dann wieder einen Tag später den Anruf, dass ihr guter Freund, der sich so lange nirgends gemeldet hatte, dass die Polizei schon suchte, tot in seiner Wohnung gefunden worden war. Da saß sie gerade im Auto und fuhr aus weitweitweg, wo sie wohnt, hier runter, um wenigstens da zu sein und ich habe keinerlei Ahnung, wie sie heile hier angekommen ist.
Bitte entschuldigen Sie, wenn ich das hier alles so typisch halbsarkastisch formuliert runter tippe – auch jetzt mit einem Monat Abstand kann ich nicht anders auf diese Tage blicken, ohne mich sofort wieder tränenüberströmt embryonal eingerollt auf dem Sofa wieder zu finden.

*) Ich habe da vorher nie drüber nachgedacht, aber der nächsten Ärztin, die mir gegenüber so einen Satz sagt, werde ich vermutlich sehr böse Dinge ins Gesicht sagen. Was für eine Anmaßung ist das denn bitte, so eine Aussage über die Lebenszeit eines Menschen zu treffen?
**) Haben Sie bloß niemals Angst vor einem Hospiz, echt nicht. Es ist ein guter Ort. Fragen Sie nur, ob man _wirklich_ unbegrenzt da bleiben kann.

Dass ich zwei Tage vorher mit der klugen Frau begonnen hatte, eine Traumatherapie zu beginnen, meine Seele so weit offen aufstand wie ein Scheunentor weil ich mich den demons in my closet stellte und daher von einem Alptraum in den nächsten Heulanfall schlingerte – mit dem Abstand nur noch eine Anekdote am Rand. Ich rief die kluge Frau an, erzählte in Stichworten, ich konnte hören wie sie sich setzte. Wir waren uns mehr als einig, dass wir das verschieben. Und ich die Seele an dieser Stelle mit viel Gaffa erstmal wieder zu mache. Klappt so mittelgut. Nee, klappt nicht.

Was da sonst noch war in ungeordneter Reihenfolge:
Im Krankenhaus überleben die länger und besser, wo die Angehörigen dicht dran am Arzt sind. Wo sie interessiert sind, nachfragen, sich kümmern, vielleicht auch manchmal etwas pushy sind. Unser System ist genügend in den Dreck gefahren, dass beim Personal die im Kopf präsenter bleiben, die nervige Angehörige haben.
Es bringt gleichzeitig niemandem etwas, wenn Sie sich kaputt machen. Die Grenze zwischen kümmern und sich selbst überfordern ist messerscharf und verläuft nicht sehr gerade. Wenn Sie in einer solchen Situation sind, teilen Sie sich Aufgaben und Verantwortung auf, wenn es eben geht; und dann vertrauen Sie sich gegenseitig (ja das ist schwer, weil man ja alles gut machen möchte). Achten Sie auf Ihr Bauchgefühl.
Sammeln Sie Ihre Liebsten um sich.
Es gibt Pflegedienste – und das ist kein Vorwurf, ich kann das menschlich verstehen – die versuchen, keine Verantwortung zu übernehmen, sondern rufen Sie plötzlich für jedes Pflaster an. Das sind dann die falschen.
Sowieso alle, aber eben auch Ärztin und Palliative/Hospize haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Lebensende aussehen soll. Die einen haben einen Eid geschworen, den viele gern so deuten, dass das reine Überleben des Körpers das erklärte Ziel ist; die anderen wollen das höchste individuelle Wohlfühlen der Patientin, egal, was es an Schmerzmitteln und Psychophamarka kostet. Weil vor allem Ärztinnen und Pflegedienste keine Zeit haben, wird da niemand drüber sprechen und unkommentiert seinen Stiefel durchziehen, wenn Sie selbst nicht aktiv dieses Themen ansprechen. „Würde“, „Selbstbestimmung“ und „freier Wille des Patienten“ sind Begriffe, die ein Gespräch sehr gut mal eben abbremsen können*.
Sorgen Sie dafür, dass Sie wissen, was für Vorstellungen Ihre Liebsten da haben.
Daraus folgt direkt: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Liebsten wissen, was für Vorstellungen Sie da haben. Stellen Sie sich auch die schmerzhaften Situationen vor. Machen Sie verdammt nochmal eine Patientenverfügung. Schreiben Sie alles, alles, alles rein, auch wenn es wirklich überhaupt keinen Spaß macht. Es hilft den Menschen und Ihnen selbst, wenn Sie zum Beispiel plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr wissen, was Sie gestern besprochen haben.

*) Wenn Sie einer dieser Berufsgruppen angehören und sich jetzt nicht gesehen fühlen und so richtig steil gehen wollen bedenken Sie bitte, dass ich von Systeme und nicht von Einzelpersonen spreche und halten den Mund. Natürlich sie Sie (oder Ihre Schwester, Ihr Nachbar, Ihr Krankenhaus…) die rühmliche Ausnahme.


Die Liebste – über die ich ja hier auch viel schreibe – und ich lasen gerade gemeinsam über die letzten Absätze und stellten fest, dass Details schon verschwimmen. Wo waren es 48 Stunden und wo doch nur 24, wer hat noch genau wann genau was gesagt? Es ist egal.


Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, wie ich hier mit Alltagsbla weiter machen soll, aber jetzt haben wir wenigstens alle mal wieder einen gemeinsamen Stand.

Vi ses.

11 Kommentare

  1. Christian, du guter Mensch, niemand erwartet Alltagszeug, schon gar nicht in so einer Situation, die so unvorstellbar viel Kraft braucht. Wenn du schreiben magst, weil es für dich gut ist, dann schreib – einfach mittenrein, egal was. Wenn es zu viel ist, lass es. Komm einfach zwischendurch rein und hol dir eine neue Portion guter Gedanken und Wünsche ab und teil sie mit der Liebsten.
    Passt auf euch auf. <3456

  2. Schön, dass du wieder schreibst wenn es geht. Und wenn es grad nicht geht, warten wir einfach noch ein bisschen auf den nächsten Post. Viel Kraft und alles Gute euch!

  3. Ich kann das alles nur bekräftigen. Als Pfleger mit 37 Berufsjahren auf dem Buckel, Onkologie, Geriatrie usw, kann ich nur zuraten: uns auf den Sack gehen, nicht locker und sich nicht abwimmeln lassen. Und: Patientenverfügung, yes!
    Außerdem sieht jeder Fachbereich nur bis zu seinem Tellerrand.

  4. Ach Christian, ich sende ganz viel Mitgefühl zu euch rüber. Kann vieles was du über Situation in Kliniken und Pflegeheimen schreibst aus eigener Erfahrung leider nur bestätigen. Ich hatte, das Glück hier vor Ort Geschwister zu haben, so dass wir bei allem nicht alleine waren und Aufgaben aufteilen konnten. Außerdem eine tolle Hausärztin, die dann mit uns entschieden hatte, keine lebensverlängernden Maßnahmen einleiten zu lassen, wo das Pflegeheim es mangels Patientenverfügung eigentlich wollte. Ich denk an euch!

  5. Ich weiß nicht, was ich hier reinschreiben soll, außer ach, ach. Und den berühmten Punkt, den man tippt, wenn man sonst keine Worte findet. Weil man zum Beispiel weiß, dass das Thema über kurz oder lang so oder so ähnlich auch bei sich selbst zuhause einschlagen wird, und man damit ab.so.lut. nicht umgehen kann, weder gedanklich, noch sonst. Jedenfalls, Kurzfassung. Ich denke an Dich.

  6. Wie furchtbar, alles. Ich hoffe, ihr findet Lösungen für M und T, aber davon abgesehen … uff und schlimm und all das. Ich wünsch euch ganz viel Kraft.

  7. Ach Mann, das ist ja alles nur schwer erträglich. Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und auch mal die eine oder andere Minute der freudvollen Entspannung. Fühlen Sie sich gedrückt.

  8. ich komme aus der Pflegebubble und wir freuen uns auf die nächste Pandemie, wenn keine Angehörigen mehr in die Klinik reingelassen werden.

  9. Lieber Christian. (( )) und anschließend gleich noch mal (( )).
    Danke auch an diejenigen mit tröstlichen Kommentaren hier. „Das Internet ist ein guter Ort, wenn wir ihn dazu machen.“ Hannes hat das seinerzeit gesagt. Hier wird das Bonmot lebendig. Das ist schön zu erleben. Ich hoffe, Dir gibt es Kraft.
    Und ja: Schreibt eine Patienten-Verfügung. Es ist hart, sich damit auseinanderzusetzen. Das wohl. Dennoch für jede:n ein wichtiger Schritt. Das Verblüffende: Danach gelingt das Leben mit mehr Sinn und Freude.
    Alles Gute allen Beteiligten – und auch allen Mitlesenden.

  10. Ich habe jetzt erst mitbekommen, dass Du wieder schreibst. Dass die Details bei solchen heftigen Erlebnissen schon nach kurzer Zeit verschwimmen ist, glaube ich, normal. Ich kenne das von mir selbst. Die schlimmsten Tage in meinem Leben, habe ich nur noch sehr verschwommen in Erinnerung und das ist gut so.

Kommentare sind geschlossen.

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