1.9.2022 – Brot weint nicht

Aus unerfreulichen Gründen im linken Knie den ganzen Tag leicht demoliert auf der Couch verbracht (sitzen, stehen, laufen, aufstehen und hinsetzen geht gerade nicht), deswegen nix zu erzählen.
Aus anderen, auch nicht so supi erfreulichen Gründen an eine Geschichte erinnert, von der ich meinte, ich hätte sie schon längst mal verbloggt. Die Suche im Blog fand aber nichts, also: los gehts mit meiner persönlichen Geschichte mit den drei Hamburgern mit dem Monsterbass.

Ich hatte es hier schon einmal in einem Cliffhanger dezent angedeutet, dass ich nach der dort vorgestellten Bluesband mit der nächsten Band in einem Proberaum landete, der das exakte Gegenteil von unserem schimmeligen, ungeheizten Fabrikverschlag war. Unser Sänger hatte nämlich zusammen mit einem Freund festgestellt, dass sie beide über die Jahre soviel Geraffel Equipment angehäuft hatten, dass es zusammen ein ganz solides kleines Tonstudio ergeben könnte. War das schon super genug, gelang ihnen auch noch der Coup, dem örtlichen Kulturamtsleiter glaubhaft zu vermitteln, dass eine Stadt ein Tonstudio braucht und er das bitte aus dem Kultur-Etat fördern sollte.
Und so bauten wir einen Kellerraum in einer alten Fabrik zu einem Studio aus – so richtig mit Regie- und Aufnahmeraum und – für uns bisher unbekannte Luxuriositäten: einer Küche, einer Toilette, einer Heizung und sogar einer Alarmanlage.

Wir – also meine neue Band – zogen in den Aufnahmeraum ein, der super als Probenraum taugte, der Freund des Sängers dagegen lebte sich hauptsächlich im Regieraum an Computer, Sampler, Turntables und Bandmaschine aus, denn sein Musikgeschmack war so ganz anders als unserer – er bevorzugte den damals noch jungen HipHop.
Uns als credible Rocker konnte man da natürlich mit jagen.
Dann aber schleppte er zwei Jungs an, die gut mit Sprache und schnell mit dem Mund waren, um eine HipHop-Truppe zu gründen.
Den einen kannte ich sogar aus unrühmlichen Zeiten, als wir beide Teil einer fröhlichen Gruppe von Jungs waren, die sich jeden Mittag auf der Rücksitzbank des Busses trafen (aka: Von außen gesehen waren wir die Halbstarken-Clique im 22er Einsatzwagen um halb zwei. Wir haben doch alle unsere dunklen Momente, nicht wahr?)

Credible hin oder her, wenn man sich da gelegentlich über den Weg läuft, dann schaut man ja auch mal, was die anderen so machen. Wir lauschten durchaus beeindruckt ihren schnellen und witzigen Reimen und fanden spannend, was ihr DJ mit dem Schallplattenspielern anstellte. Und sie kamen rein, wenn wir uns warm-jammten und rappten gelegentlich mal auf unsere Grooves. Wir befanden gegenseitig, dass credibles Ablehnen anderer Musikstile eigentlich Blödsinn war, und lernten uns besser kennen und schätzen. Mein alter Rückbank-Buddie nannte sich inzwischen Majubiese und der jüngere hatte aus seinem Vornamen Daniel erst Dennie und dann Dendemann gemacht.

Die HipHop-Szene in Deutschland war damals noch überschaubar, es gab Frankfurt Rödelheim, die Stuttgarter Vier hatten wirklich gerade erst „Die da“ veröffentlicht und aus irgendwelchen Gründen klemmte sich Menden mit einigen hoffungsvollen Acts an Hamburg und es entstanden intensive Band-Freundschaften unter anderem eben auch mit Fettes Brot.
Der Wirt des „Cafe O“, der einen Kneipe, die es hier gab, spielte quasi 24/7 Musik vom jungen Acid Jazz-Label Talkin Loud und die junge Kundschaft ließ langsam die Hosen unter den Hintern rutschen und trug britische Poloshirts dazu. Wir hatten eine echte HipHop-Szene hier im Kaff.
Für mich, der ich ja eher am Rande davon rumlungerte gabs hauptsächlich ein paar gute Parties und ein paar Gigs, bei denen ich als Live-Mischer dabei war. Und den Kosenamen Fischer-Mischer, der es sogar auf ein Major-Label-Release in die Special Thanx schaffte – diese Jungs brauchten ja immer ganz wichtig ihre AKAs.

Wie das so ist mit den Szenen, hielt sie nur so mittel lange; ein paar Leute verließen uns und machten mehr daraus (Dendemann und Nico Suave nach Hamburg, Kraans de Lutin über Umwege nach Berlin) und meine letzte Begegnung mit allen war dann drei Jahre später, als ich gerade frisch mit der Liebsten zusammen war. Die kannte zwar die ganzen Leute nicht mehr persönlich, war aber dafür großer Fan des inzwischen etwas fester etablierten Genres „deutscher HipHop“.

Auch Quadratschulz, die Hälfte des Studios, die nicht unser Sänger gewesen war, hatte es nämlich inzwischen auch nach Hamburg verschlagen und wir waren zu seiner Einweihungsparty eingeladen. „Na sicher fahren wir“ sprach die Liebste und so saßen wir irgendwo in einem Hamburger Wohnviertel auf einer Party, die frappierende Ähnlichkeit mit einem ganz normalen Abend im Cafe O aufwies: AcidJazz und HipHop-Musik und viele Jungs beinahe uniformiert mit tiefhängenden Hosen und Skater-Chic.
Ich kannte wenigstens ein paar Leute, die Liebste niemanden (auch das Café O war nie so ihrs gewesen) und wir hatten ja auch noch dreieinhalb Stunden Fahrt vor uns – und als wir dann deswegen schon gegen elf gingen und durch eine leere Hamburger Straße zogen, sprach sie: „Schon seltsam: Wie im Café O, ich dachte ständig, ich kenn da wen. Zum Besipel der eine Typ in der Küche, direkt an der Tür – der war doch aus Menden?
Ich lachte und meinte: „Nö, das war Schiffmeister, der ist aus Hamburg“. Sie: „Schiffmeister von den Broten???“ Ich: „Jo. Boris saß zwei weiter und Renz war im Flur

ICH? WAR? MIT? FETTES BROT? AUF EINER PARTY? UND DU SAGST? MIR? NIX??
Ich denke, die umliegenden Häuser waren dann wieder wach, wir überlegten kurz aber ernsthaft, nochmal hochzugehen aber das wäre ja doch auch peinlich und was dann, ach nee, komm, wir fahren.

Und danach hatte ich – mit Ausnahme zB des letzten Wochenendes – mit HipHop aus Menden dann auch nicht mehr so viel zu tun.

Tschüss Ihr drei; ich weiß, Ihr erinnert Euch nicht an mich, aber es war immer schön mit Euch.

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