1.2.2019 – Anna oder Anika?

(irgendwas mit ziemlich gut und lang geschlafen)

Den Tag über keine berichtenswerte Vorkomnisse, da nehme ich den Platz mal für etwas anderes:

In meinem Internet macht die Geschichte von Anna die Runde. Die ist erstens, wie man vom Fräulein gewohnt ist, gut geschrieben und zweitens stoße ich gerade sehr oft auf sie. Sie ist viel verlinkt, sie ist oft kommentiert – also nehme ich an, sie tut etwas mit den Menschen.
Oft lese ich bei den Links etwas von Wut, lese von Schuld und Verantwortungslosigkeit und davon, dass Anna sich erklären soll.

Mein spontanes Gefühl war eher im Spektrum „Mein Gott ist das alles tragisch“ und mit Schuldzuweisungen halte ich mich ja eh eher bedeckt. Ich hab einmal einen ähnlichen Fall im Freundskreis erlebt und bin mir sicher, dass bei so etwas am Ende nur unglückliche Menschen übrig bleiben und niemand aus purem Spaß an der Freude verschwindet.

Wie es aber so meine Art ist denke ich auch weiter und ich verknüpfe diese Geschichte mit einem Dings, was mich schon seit einiger Zeit beschäftigt: Dem gnadenlosen Hang zur Selbstoptimierung, den ich beobachte.
Überrascht? Ich erklärs mal:

Ich meine: Wir alle hören überall an jeder Stelle, dass wir uns selbst am wichtigsten sein sollen. Dass wir uns nicht von anderen aufhalten lassen sollen. Von „toxischen“ Menschen befreien. „Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum“, so kann man es sogar als Wandtattoo kaufen – und wenn man etwas erst als Wandtattoo kaufen kann …
Kurz: Sie wissen, was ich meine.

Vorneweg noch: Ich kenne Anna nicht und den J. nicht, ich will weder behaupten noch auch nur vermuten dass Anna getrieben von fluffigen Instagram-Lebensentwürfen alles stehen und liegen ließ.
Ich will gar nichts vermuten, ich nehme nur die Geschichte als Anlass nachzudenken. Bitte lassen Sie also Anna mal kurz los.

(Bild von Markus Goller, Lizenz:CC BY 2.0)

Mal angenommen, jemand täte sehr konsequent, was wir alle doch so sehr tun sollen: Nur auf sich aufpassen, sich nicht aufhalten lassen, den Traum leben. Grenzenlos und wild und frei. Pippi, nicht Anika. Wir kennen die Sprüche.
Wer so lebte, die würde vielleicht aus der Sicht des ein oder anderen auch einmal verschwinden.

Oder ist das was anderes? Die Reaktion des Internets auf Annas Geschichte zeigt, dass das was anderes ist, dass hinter aller Selbstverwirklichung doch eine Grenze im allgemeinen Bauchgefühl geblieben ist.

Ich persönlich nehme gerne Rücksicht, denn Rücksicht, wenn sie gegenseitig geschieht, ist etwas was die Welt schöner macht. Ich spüre auch eine Verantwortung, wenn ich eine Beziehung jedweder Art eingehe – egal ob zu Liebsten, zu Freunden, zu Kunden, zu Dingen.
Nennt es altmodisch, ich nenne es Leben nach dem kategorischen Imperativ*. Ich bin mir sicher, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle aufeinander und nicht nur jede auf sich aufpassen würde.

En vogue ist das gerade aber nicht; selfcare rockt mehr.
Trotzdem liegt das Mitleid der Kommentatorinnen und Verlinkerinen deutlich auf der Seite von J. und des Fräuleins. Die Gründe, warum Anna verschwand, die kennt niemand.

Ein frevelhafter Gedanke: Wäre es anders, wenn wir ihre Gründe kennen würden? Wenn wir wüssten, dass sie halt wild und frei ihren Traum gelebt hätte? Wenn J. vielleicht sogar toxisch gewesen wäre (ich hasse dieses Wort übrigens mit Inbrunst)? Wenn Sie nicht verschwunden, sondern ihn „abgestreift“ hätte (ich hasse auch dieses Wort)?

(Nochmal: Nein, ich unterstelle das nicht; es ist ein Gedankenspiel.)

Aber dieses Gedankenspiel führt mich ohne Umwege zu der Frage: Spüren die Menschen, die wir heute leichtfertig auch mal „toxisch“ nennen, keine Enttäuschung? Sind die nicht verlassen und traurig? Oder sind die halt selbst Schuld wenn wir sie „abstreifen“, um unser Leben zu optimieren – sie hätten halt nicht toxisch** sein müssen?

Tja, so ist aus der Geschichte eines erschrockenen Fräuleins eine lange Gedankenkette darüber geworden, ob das Bauchgefühl aller Kommentierenden nicht eigentlich stimmt. Und vor allem, ob es nicht auch verflixt gut ist, dass es stimmt?
Ob wir dieses Bauchgefühl, angestoßen von so einem Extremfall nicht vielleicht wieder viel mehr beachten sollten? Und folgerichtig das propagierte „Live your dream“ vielleicht mit mehr Vorsicht zu betrachten ist?

Aber mal was anderes: Sie kennen doch bestimmt schon aus dem alten Rom den Spruch „divide et impera“? Nicht? Naja, der sagt auch bloß, dass man zerstrittene Gegner viel leichter beherrschen kann als vereint kämpfende („Teile und herrsche“). Also … vielleicht … eine Gesellschaft aus wilden und freien Dream-livern besser als eine solidarische.
Wie komm ich denn jetzt darauf? Na, egal.

*) Nein, das ist nicht „Was Du nicht willst das man Dir tu’, das füg auch keinem and’ren zu.
Es ist: „Handle immer so, dass Dein Handeln die Regel für alle sein könnte“.
Kann man hier auch länger nachlesen.

**) Die Wiederholung dieses Wörtchens im Zusammenhang mit Menschen macht ja irgendwie die Widerwärtigkeit so richtig deutlich.

7 Kommentare

  1. Ich habe mal mit einem Bekannten darüber gesprochen, was man „darf“ oder nicht. Es ging viel um Verantwortlichkeiten anderen gegenüber, in dem konkreten Beispiel über eine Tochter mir unbekannter Menschen, die überlegte das Studium zugunsten einer anderen Ausbildung abzubrechen. Seiner Meinung nach hätte sie auch eine Verpflichtung ihren Eltern gegenüber, das jetzt durchzuziehen.

    An dem Abend ist mir durch die Diskussion meine grundsätzliche Überzeugung: Niemand schuldet irgendwem irgendwas, aber man muss bereit sein, mit den Konsequenzen zu leben. Und die Konsequenz kann eben sein, Menschen, die mir etwas bedeuten oder denen ich etwas bedeute, massiv zu verletzen. Wenn ich das irgendwie mit mir vereinbaren kann, dann kann ich auch einfach abhauen.

    (Es gibt zwei Ausnahmen: Kinder und Tiere, denn hier übernehme ich auch bewusst Verantwortung für ein Wesen, dass auf meine Fürsorge angewiesen ist. Denen bin ich tatsächlich etwas schuldig, zumindest bis zu einem gewissen Grad.)

  2. @Anne: Ich verstehe die Verknüpfung von „jemandem etwas schuldig sein“ und „eine Verantwortung übernehmen“ nicht. Die zum kategorischen Imperativ auch nicht.

    Ich glaube auch nicht, dass ich grundsätzlich jemandem etwas schuldig bin. Aber ich möchte gerne gut leben und das geht deutlich einfacher, wenn alle gut leben.

  3. Ich würde mal annehmen, seinen Traum zu leben und loszulassen kann man vorher ankündigen und sich erklären. Das man mühsam sein und schmerzhaft. Aber besser als einfach alles hinzuwerfen.

  4. Es ist die schmale Brücke, auf der man sich bewegt. Mit welchen Vorstellungen von Verantwortung sich und anderen gegenüber. Die Brücke ist brüchig. Immer und löchrig, sowieso. Menschen einfach stehen zu lassen, abzustrafen mit wortlosem Von-ihnen-fortgehen, egal, ob man selbst es als Strafe empfindet oder als Befreiung, lässt Traurigkeit, Enttäuschung und vielleicht auch Wut und Verzweiflung zurück. Wenn die so grundlegend bejubelte Selbstoptimierung, der Erfolg an sich, das Ziel sind (egal, welcher Erfolg), muss man sicher damit rechnen, auf seinem Weg dahin die Opfer liegen zu lassen. Und jeder selbst muss mit sich ausmachen, ob er das erträgt, will, nicht wahrnimmt oder unberührt darüber hinweg gehen kann. Ich frage mich oft, ob man seinen Traum, den ganz eigenen, wirklich ohne Verletzungen um sich herum leben kann. Die Geschichte mit Anna ist ein guter Anlass, darüber intensiv nachzudenken. Und sich selbst infrage zu stellen. WENN man das will.

  5. Der Text über Anna hat auch mich hierher gebracht und ja, dieser Text macht nachdenklich. Ich glaube nicht, dass die Aufforderung, seine Träume zu leben automatisch bedeutet, rücksichtslos gegenüber anderen zu sein. Ich denke vielmehr auch, dass mit gegenseitiger Rücksichtnahme das Leben für alle leichter und angenehmer ist. Dass man unter Umständen dennoch jemanden verletzen kann, z.B. durch eine unüberlegte oder falsch verstandene Bemerkung, ist nicht auszuschliessen. Aber Selbstverwirklichung rechtfertigt meiner Meinung nach nicht Rücksichtslosigkeit. Dass dies möglicherweise von einigen Menschen so interpretiert wird, liegt vielleicht eher in deren Charakter oder ihren eigenen Erfahrungen begründet.

  6. Früher war lebte man in kleineren Gemeinschaften, möglicherweise in einem Dorf mit vielleicht 10 oder 15 Familien, die durch wirtschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen aufeinander angewiesen waren. Heute hat man möglicherweise, bevor man dreißig wurde, an vielen verschiedenen Orten gelebt, gearbeitet, studiert und Beziehungen geknüpft. Die Seelenverwandte lebt vielleicht inzwischen in Indien, während man mit der Kollegin am Nachbarschreibtisch keine Berührungspunkte hat. Die Kreise, in denen man sich bewegt, sind größer geworden, und so kann es durchaus sein, dass man Bindungen leichter aufgibt als früher.
    Was nun die Geschichte betrifft, die hier Aufhänger für Ihre klugen Betrachtungen geworden ist: wir kennen eine Geschichte, aber es sind mindestens drei: die der Autorin, die Annas Freundin war, die von Anna und die von J. Wir wissen nicht, warum Anna (anscheinend) leichtfertig eine Bindung gelöst hat. Wir erlauben uns jedoch (und da schließe ich mich selbst nicht aus) recht schnell und vielleicht oft ebenfalls zu leichtfertig ein Urteil, und posaunen es gerne auch in den social media hinaus, damit möglichst auch die Leute davon erfahren, die es gar nichts angeht Ja, wir sollten wahrscheinlich tatsächlich unsere Moralvorstellungen in mehr als einer Hinsicht überprüfen.

Kommentare sind geschlossen.