1.10.2021 – Selfcare-Schaize

Sie werden hier keineder Herbst ist da“-Sätze lesen, nein nein. Erstens hab ich da einfach keine Lust drauf und zweitens amüsiere ich mich seit ein paar Jahren zu sehr darüber, wie sich bei Instagram bei jedem Sonnenstrahl ab der letzten Augustwoche die Hashtags sammeln: #nochmalraus #einletztesmalbiergarten und ähnliche.
Und niemand bemerkt, dass unsere Sommer sich schon seit Jahren bis weit in die Jahreszeit formerly known as Herbst ziehen.
Naja, so weit man sich eben über die sichtbaren Folgen der Klimakatastrophe amüsieren kann.

Gestern wars noch spät, daher langsam in den Tag reingekommen – so richtig mit nochmal snoozen und dann gemütlich im Sonnenschein(!) was frühstücken – und dann lohnte sich eigentlich auch nichts mehr anzufangen, denn um elf stand ja schon die Manualtherapeutin im Kalender.
Naja, die Programmierstunde von sieben bis acht, die war da auch noch – meinem schläfrigen Kopf war da eine Lösung eingefallen.
Die Manualtherapeutin nahm sich heute mal extra Zeit für mich. Der Patient nach mir hatte abgesagt und so lag ich nicht gute 20, sondern eher 50 Minuten auf der Liege. Und dann noch noch die gefühlte Stunde, bis sich wieder selbstständig gerade stehen konnte – die hat mich schon ziemlich durchgenudelt. Großartig. Kann wieder Stellen bewegen, von denen ich gar nichts wusste, dass da Gelenke waren.

Nachmittags noch Hauselfen und dann mit Essen auf dem Herd der Ankunft der Liebsten harren – die hatte nämlich heute Tag der offenen Tür und stand freundlich lächelnd an einem Stehbiertisch mit Husse vor einer Pinnwand, auf der interessierte Besucher über Inklusion und Förderung nachlesen konnten.
Sie wissen schon: Lehrer, die mit dem gut bezahlten Halbtagsjob.

Ein bisschen Internet gelesen und dabei ins Nachdenken gekommen. Wir kennen alle diese inflationären Sharepics, die uns sagen, wie wir unser Leben bewusster, bedachter, entspannter und achtsamer gestalten können, nehme ich an? Instagramm findet unter #selfcare in diesem Moment dreiundfünfzigeinhalb Millionen Treffer.

In der letzten Zeit begegne ich aber immer häufiger Postings, wo jemand z.B. so eine kleine Liste* re-postet:

… und dann darunter auflistet, wo sie oder er noch nicht „gut genug“ ist:

Also das mit den Grenzen schaff ich ja oft schon ganz gut, aber mir selbst zu vergeben, das bekomme ich einfach nicht hin. Ich hasse das! Nein, natürlich nicht hassen, aber Ihr wisst schon…
Naja, und meine Gefühle kann ich auch nicht so gut rauslassen

(kein echtes Zitat aber sinngemäß aus echten Postings zusammengesetzt)

Eines der wichtigsten Dinge, die ich in den montäglichen Seelenmassagestunden gelernt habe war allerdings: „Seien Sie doch nicht auch bei der Entspannung so perfektionistisch und selbstkritisch, Herr Fischer. Nur weil Sie nach acht Stunden Coden und Telefonieren und Zoomen nicht nach einer kleinen Viertelstunden-Meditation 110% friedlich und entspannt sind, bedeutet das nicht, dass Sie versagt haben.
Ouch, Treffer, versenkt.

Dass uns das Dauerfeuer mit gefiltert-gleichen Normschönheiten in instagrammable XXL-Wutz-eingerichteten Langweiler-Lofts vor skandinavischen Schüsseln mit veganen Bowls beeinflusst und dazu führt, dass wir uns schlecht fühlen – das wissen wir inzwischen. Weil es eben im Leben außerhalb Instagrams nicht so ist und wir trotzdem dazu neigen, uns zu vergleichen – und in diesem Vergleich dann halt verlieren. Immer.

Es ist dringend Zeit dass wir begreifen, dass wir auch bei der andauernden Konfrontation mit der perfekten** Entspannungs-Masche nur verlieren können.

*) Und morgen denke ich dann darüber nach, ob „sich selbst am wichtigsten nehmen“, „eigene Grenzen setzen“, „sich selbst vergeben“, „mal die Emotionen rauslassen“ und endlich „was tun, was aus einem selbst kommt“ nicht exakt das ist, was alle von Querdenker-Pack bis zum bräsig-gemütlichem deutschem CDU-Mittelstand jeden Tag bis zur Perfektion tun.
Hihi.

**) Und vielleicht denke ich dann auch darüber nach, dass es nie eine allgemeingültig perfekte Methode gibt, sondern immer nur für jede eine individuelle und deswegen dieser ganze Sharepic-Scheiß eh auf den Müll gehört.

Sie mögen das, wenn ich auch mal aus dem täglichen Alltags-Einerlei ausbreche und über Gott und die Welt nachdenke? Hier steht eine virtuelle Kaffeekasse!
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist.

2 Kommentare

  1. Danke! (Auch für die Sternchen-Anmerkungen)
    Und klar: „Entspann dich!“ oder anderes Wellness-Tralala funktioniert nicht mit Ausrufezeichen …
    (und jetzt wünsche ich doch ein entspanntes Wochenende!)

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